Die Stadt Trenčín hat uns mit Sonnenschein und blauem Himmel empfangen. Der Weg aus dem mährischen Brünn/Brno dauert mit dem Bus normalerweise nur zwei Stunden. Weil der 1. Mai auch in der Slowakei und in Tschechien ein Feiertag ist, waren am 30. April sehr viele Menschen unterwegs, um für das verlängerte Wochenende nachhause zu fahren oder einen Ausflug zu unternehmen. Unser Bus hatte dadurch fast eine Stunde Verspätung. Davon ließen sich unsere Gastgeber jedoch nicht die Laune vermiesen und haben uns sehr herzlich empfangen, vom Busbahnhof abgeholt und uns unser Zuhause auf Zeit gezeigt. Was man in der ersten Nacht in einem neuen Bett träumt, soll ja bekanntlich in Erfüllung gehen. Ich habe aber trotz Vollmond, weil es so ruhig und gemütlich war, so fest geschlafen, dass ich mich am Morgen an nichts erinnern kann. Doch auch der Tag danach kam mir vor wie ein Traum …

Ab heute bin ich also Stadtschreiberin
… und das fühlt sich erst einmal ein wenig unwirklich an. Die Vorstellung jetzt fünf Monate hier zu leben und zu arbeiten, habe ich noch nicht ganz realisiert. Die Stadt lächelt uns entgegen, der Tag ist freundlich und warm, im Garten singen die Vögel. Ich schlage die kostenlose Zeitung auf, die ich wie selbstverständlich am Morgen aus dem Briefkasten geholt habe. Neben viel Werbung wird vor Bären gewarnt und erklärt, wie man sich im Fall der Fälle verhalten sollte. Zum Glück in der Mittelslowakei, denke ich. Kurze Zeit später ploppt in Social Media ein Post zu einer Bärensichtung in einem Randstadtteil von Trenčín auf. Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren zunehmend mehr Meldungen über Braunbären in Menschennähe, die Population wächst. Eigentlich eine gute Nachricht. Die Slowakei hat seit 2014 acht regionale Eingreifteams (SK/ENG), die bei Bärensichtungen kontaktiert werden können. Ich stoße auf die Webseite „Vorsicht Bär“ und lese dort, dass es allein in 2026 bereits 14 Bärensichtungen im Kreis Trenčín gegeben hat, dabei liegt der Schwerpunkt eigentlich in der Hohen Tatra. Viele Webseiten und Hinweisschilder an Wandederrouten oder am Waldrand informieren, wie man sich den Bären gegenüber verhalten sollte, um Gefahren zu vermeiden. Mit dieser Art der Weiterbildung habe ich nicht gerechnet.
Doch zurück ins Urbane: Der 1. Mai wird hier mit einem Fest und einem Handwerksmarkt begangen, der Maibaum, dessen rote, blaue und weiße Bänder hoch über dem Mierové námestie (Friedensplatz) im Wind flattern, wurde schon am Vortag aufgestellt, von Maidemonstrationen zumindest in Trenčín keine Spur. Auf dem weitläufigen Platz stehen Hütten mit regionalen Lebensmitteln, Keramik, Genähtem, Holzprodukten, Kräutern und anderem, Essensstände und ein großes Podium, auf dem Musik gespielt und Volkstänze aufgeführt werden. Die Stadt ist quirlig und voller Menschen. Doch ich höre nicht nur Slowakisch, auch englische und deutsche Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr. Ein Reisebus aus Österreich steht am Straßenrand. Der Markt (slowakisch „jarmok“) ist die ideale Gelegenheit, slowakischen Schafskäse in Fadenform, regionalen Honig und selbstgemachte Marmelade für meinen leeren Vorratsschrank zu kaufen. Highlight ist ein Lavendel-Salbei-Sirup aus einheimischer Produktion. Der Hauptplatz ist von Restaurants und Cafés gesäumt, deren Freisitze zum Verweilen einladen. Und über all dem hebt sich die imposante Burg gegen den blauen Himmel ab.
Auf dem Markt treffe ich auch gleich meinen alten Bekannten und Freund Andrej. Wir umarmen uns herzlich und können es beide kaum glauben, dass ich nun hier bin. Die letzten Monate sind wie im Flug vergangen. Er bietet mir seine Hilfe an, egal, was ich brauche, ich soll mich unbedingt melden. Nächste Woche verabreden wir uns auf einen Kaffee, denn wir haben uns fast ein Jahr nicht gesehen und es gibt viel zu berichten. Natürlich will ich wissen, was er mir in Trenčín empfehlen kann.
Ich bin unsicher, wie ich meine Zeit als Stadtschreiberin beginnen soll. Es gibt so viele Themen und interessante Spuren. Ich sammele erste Eindrücke und lächle. Ich mache Fotos, aber ansonsten falle ich nicht weiter auf. Mein Slowakisch scheint kein bisschen eingerostet zu sein. Das ist ein guter Start.
Pünktlich zu meinem Antritt als Stadtschreiberin hat der MDR einen kurzen Radiobeitrag gebracht, zu dem es auch einen begleitenden Artikel gibt, nachzulesen hier. Das Interview mit der höchst interessierten Redakteurin Grit Krause hatte ich vor meiner Abreise im Leipziger Studio geführt.

Das Thema Kulturhauptstadt ist überall in der Stadt präsent. Kleine Banner an den Laternenmasten, ein großes an der im Umbau befindlichen Stadtbibliothek, Kunstinstallationen im öffentlichen Raum, eine Open-Air-Ausstellung, neue Sitzmöbel, eine Flagge am Burgturm und passende Souvenirs im Tourismusbüro, städtische Werbetafeln und am Bus sind nur einige Beispiele. Eine Marktständlerin aus Sillein/Žilina erzählt mir, dass dort nicht so viele Leute unterwegs wären und hier in Trenčín das Geschäft gut laufe. Sie hatte nicht einmal Zeit, sich den Markt anzusehen. Vielleicht liegt das auch am Kulturhauptstadtjahr und der damit verbundenen Aufmerksamkeit.

Von Kulturhauptstadt zu Kulturhauptstadt
Kulturhauptstädte Europas werden seit 1985 ernannt. Seit 2001 gibt es meist zwei, in diesem Jahr sind es das slowakische Trenčín und das finnische Oulu. Im Jahr 2025 waren es das deutsche („unser sächsisches“) Chemnitz und das slowenische Nova Gorica. Im kommenden Jahr werden es Liepāja in Lettland und Évora in Portugal sein. Die Städte stehen in langfristigem Austausch miteinander.
Die Slowakei hat zum zweiten Mal eine europäische Kulturhauptstadt. 2013 richtete das ostslowakische Kaschau/Košice sein besonders Kulturhauptstadtjahr aus. Die damalige Stadtschreiberin Kristina Forbat (heute Klasen, hier ihr Blog) habe ich sogar kennengelernt, weil wir sie als Studierende mit unserer Gruppe Tschechologisch?Slovakoklar! nach Leipzig einluden, um ihren Film Rückkehr in die windige Stadt zu zeigen, den sie während ihres Aufenthaltes gedreht hatte. Es war spannend, mit ihr über ihre Erfahrungen ins Gespräch zu kommen. Damals ahnte ich natürlich noch nicht, dass ich einmal in „ihre Fußstapfen“ treten würde.
Was das Stadtschreiber:innen-Sein ausmacht, bringt dieser Artikel im KK-Magazin (Kulturkorrespondenz) des Deutschen Kulturforums östliches Europa wunderbar auf den Punkt.
Was es für mich bedeutet, werde ich in den kommenden Monaten herausfinden. Der Mai ist jedenfalls voll gespickt mit Kennenlernterminen und interessanten Veranstaltungen: Europa-Tag mit Demokratieprogramm, Muttertag, Gedenken an M. R. Štefánik, Lesungen, einem Workshop mit Studierenden aus Pressburg/Bratislava, weiteren Festen, Ausstellungseröffnungen – um nur einige zu nennen. Und Ende des Monats plane ich wieder nach Brünn/Brno zu fahren, wo das Erinnerungsfestival Meeting Brno eine Brücke der Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen schlagen will. Es wird also viel zu berichten geben.
Wer nichts verpassen will, dem empfehle ich, den Blog per E-Mail zu abonnieren! Das geht ganz einfach über die Formularfunktion auf der Seite. Und schaut gerne auf meinem Instagram-Profil stadtschreiberin.trencin.2026 vorbei.




Hallo Stefanie, da hattest Du einen tollen Start, viel Spaß und interessante Treffen weiterhin.
Danke. Bisher ist wirklich alles sehr freundlich und interessant. Die Zeit in Trenčín vergeht wie im Flug.
Ich freue mich, dass das kulturelle Augenmerk auf Trenčin gelenkt wird.
Ich war mit dem Motorrad öfters schon in dieser wunderschönen Gegend, auch in Považska Bystrica, in der Mala Fatra und Niederen und Hohen Tatra, auch wandern in einer atemberaubenden Gegend und noch z.T. so ursprünglich.
Lieber Andreas Leuschke,
danke für die Grüße. Ich hoffe, bald den nächsten Beitrag fertig zu haben. Es gibt hier sehr viel zu entdecken, wie Sie auch schreiben. Herzliche Grüße, S. B.