Es ist bewölkt, ich sitze am Schreibtisch, draußen rauscht der Verkehr und zwitschern die Amseln. 2. Juni – wo ist nur die Zeit geblieben?! Der Mai verging wie im Flug, meine Aktivitäten waren so wechselhaft wie das Wetter. Zwischen Kennenlerntreffen, Veranstaltungen, Übersetzungsarbeit, Lese- und anderen Reisen, Einkaufen und Gartenarbeit war es gar nicht so leicht, Ruhe zu finden, um die Gedanken und Eindrücke festzuhalten. Weil all das kaum in einem Beitrag unterzubringen ist, wird es eher eine Art Foto-Story.

Wie wird dein Mai?
Das Kulturhauptstadtprogramm hatte Anfang Mai die Kampagne Aký bude tvoj máj? (Wie wird dein Mai?) ausgerufen. Diese Frage beantworte ich gern. Es war ein überwältigender Mai: abwechslungsreich, intensiv, spannend, manchmal anstrengend, erfüllend, freundlich, sonnig und bewölkt, begegnungsreich, laut und leise, aktiv und aktivierend.
So war mein Mai!
Im Mai hatte Trenčín viel zu bieten, fast jedes Wochenende gab es spannende Programmpunkte im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres. Nicht an allen konnte ich teilnehmen, aber auf den Social-Media-Seiten von Trenčín 2026 gibt es viele Fotos, die einen Eindruck von der Vielfalt vermitteln.

Die Menschen diskutieren gelegentlich auch über den Sinn und Zweck einiger Angebote, denn nicht jeder kann mit abstrakter Kunst oder experimentellen Klangperformances etwas anfangen. Mich begeistern vor allem die zahlreichen Formate, die auf die lokale Gemeinschaft und die Nachbarschaften ausgerichtet sind. Das Kulturhauptstadtprogramm legt eine starken Schwerpunkt auf die Entwicklung solcher Angebote und das Einbinden und Aktivieren der Bevölkerung. Neben einem Weiterbildungsprogramm für Menschen aus dem Kulturbereich sowie Ehrenamtliche gab und gibt es Nachbarschaftsfeste, regelmäßige Begegnungsformate (z. B. Vorlesen für Senioren, ein Sprach-Café, thematische Stadtrundgänge, …) und Umfragen. Das Straßenfest Korzo Soblahovska auf der an diesem Tag für Autos gesperrten gleichnamigen Straße habe ich leider verpasst, ebenso wie das „Einstimmen der Stadt“ im Rahmen des Klangprojektes Ladenie Mesta – Eine Performance für 300 Instrumente und eine Stadt. Einige der aktuell eröffneten Ausstellungen werde ich mir sicher noch ansehen.
Hier aber nun mein Best of Mai 2026 #1!
Arbeitstreffen und erste
Spaziergänge durch die Stadt

Auf dem Weg zu Besprechungen mit dem Kreativinstitut Trenčín, zu Treffen im Café, Einkaufen oder Besorgungen konnte ich einen ersten Eindruck von der Stadt gewinnen. Trenčín ist nicht sehr groß (etwas 54.000 Einwohner), es ist gemütlich und hell, weitläufig und voller Geräusche. Es gibt viele Details zu entdecken.



Das ständige Podium mitten auf dem Platz finden nicht alle Einwohner gut. Es stört ein wenig die Blickachse, bietet aber Gelegenheit, sich zu setzen, und dient natürlich als Bühne für die vielen Veranstaltungen.

Anfang des 20. Jahrhunderts machten Juden 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung von Trenčín aus. Die Synagoge wurde 1913 eröffnet und geweiht. Gebaut wurde sie von dem aus Piešťany stammenden Architekten Richard Scheibner und seinem Berliner Atelier, in Kooperation mit Hugo Pál. Das Gebäude ist ein bemerkenswertes Beispiel des Modernismus mit zurückhaltender Dekoration und monumentalen klassischen Formen. Im Interieur mischen sich byzantinische Dekorationen und Jugendstil-Elemente. Beeindruckend ist vor allem die Gestaltung der Kuppel. Bis heute sind die Schäden der vorangegangen Regime und des Zweiten Weltkrieges sichtbar. Die Haupträume der Synagoge wurde im Zuge der Vorbereitung des Kulturhauptstadtjahres Trenčín 2026 umfassend saniert und die ursprüngliche Gestaltung freigelegt und erneuert.
Seit Kurzem gibt es regelmäßige Öffnungszeiten (Di, Mi, Fr, Sa jeweils 11:00-16:00 Uhr, mit Eintritt). Zu diesem imposanten Bauwerk und seiner Geschichte werde ich im Laufe des Blogs sicher noch detaillierter berichten.
Empfehlenswerter Beitrag zum Thema in der Jüdischen Allgemeinen: Eine restaurierte Synagoge wird zum Herzstück der Kulturhauptstadt 2026 – und zum Zeichen jüdischer Erneuerung von Kilian Kirchgeßner (03.11.2025)
Ausstellungseröffnung im Rathaus
Ungewöhnlicher Ausstellungsraum: der Sitzungssaal im Rathaus. Eröffnet wurde die Ausstellung Váha tichých hlasov (Das Gewicht der stillen Stimmen) von Amol K. Patil (Indien) und der Kuratorin Agnieszka Killian (Polen). Das Projekt verbindet globale Themen mit dem lokalen Umfeld und wirft Fragen zu Gleichberechtigung, Mitsprache und Teilhabe auf. Der Künstler setzt sich seit Langem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinander. Gleichheit ist ein mit vielen Ebenen behafteter Begriff, der in verschiedenen Ländern unterschiedlich mit Bedeutung aufgeladen wird. Für den Ausstellungsteil seines Projektes hat er große Steine in der Umgebung der Stadt gesammelt und jeweils eine Frage eingraviert, die zum Nachdenken und hoffentlich zum Handeln anregen sollen. Die Positionierung an dem Ort, an dem in Trenčín viele Entscheidungen getroffen werden, ist zugleich poetisch und provokativ. Die Ausstellung bleibt über Wochen installiert und beeinflusst direkt die Arbeit im Sitzungssaal. Die Abgeordneten kommen nicht umhin, sich immer wieder mit den Fragen zu konfrontieren und während ihrer Arbeit von der Kunst beeinflusst und beobachtet zu werden. Nach Ende der Ausstellung werden die Objekte an lokale Organisationen verteilt. Die Idee der sozialen Inklusion dringt so physisch direkt in die Strukturen der Stadt ein. „Das Projekt reflektiert Fragen der Gleichheit, der Mitsprache und der Teilhabe – also Werte, die naturgemäß mit der Funktionsweise der Kommunalverwaltung verbunden sind. Gleichzeitig handelt es sich um eine Zusammenarbeit mit einem Künstler von internationalem Rang, was das kulturelle Profil der Stadt und ihre Offenheit gegenüber globalen Themen stärkt“, heißt es im Kulturhauptstadtprogramm. Teil der Ausstellungseröffnung war auch eine Audio-Performance des indischen Künstlers Yogesh Barvy. Die Ausstellung ist Teil des Projekts Na počkanie / Waiting places (übertragen in etwa: Wartebereich), das im Rahmen des Kulturhauptstadtprogramms Kunst an öffentliche Orte bringt, an denen man sie nicht erwarten würde: auf die Post, ins Krankenhaus, in die Polizeiwache oder eben ins Rathaus.
Ausstellungsdauer: 27.05.2026 – 15.07.2026
Öffnungszeiten: mittwochs und sonntags 15:00 – 18:00
Ort: Rathaus am Mierové námestie, 1 Etage
Besuch: Studienreise der Roma-VHS Burgenland

Vom 15.-17. Mai war eine fünfzehnköpfige Gruppe aus dem Burgenland (Österreich) in Trenčín und Umgebung auf Studienfahrt (Schtudijakero ladipe). Ich hatte sie schon im Frühjahr online bei Recherchen gefunden, weil ich wissen wollte, wer Reisen nach Trenčín anbietet. Da Österreich nicht weit entfernt ist, gibt es regelmäßig Gruppenreisen in die Kulturhauptstadt. Diese spezielle hatte mein Interesse geweckt, weil sie von der Roma-Volkshochschule (VHS) Burgenland organisiert wurde. Von so einer speziellen VHS hatte ich noch nie gehört und das Thema der Reise klang ebenfalls nach etwas, dem ich nachgehen könnte. So nahm ich per E-Mail Kontakt mit dem Koordinator Herrn Listz auf, ließ mir das Programm zusenden und verabredete mich mit der Gruppe. Die Damen und Herren waren mehrheitlich schon öfter bei solchen Studienreisen dabei, die die Roma-VHS seit vielen Jahren organisiert und die die Teilnehmenden schon in viele Ecken Europas geführt hat. Die Belange von Roma und Romnja sind auch in der Slowakei ein heikles Thema, das viele Kontroversen hervorruft, wobei die meisten Roma-Siedlungen eher im Osten des Landes zu finden sind.
So war es für die Reiseleitung auch nicht so leicht, entsprechende Orte und Organisationen in der Region Trenčín zu finden. Wir trafen uns am Donnerstag zum Abendessen in der Trenčíner Brauerei LANIUS. Ich berichtete von meiner Arbeit als Stadtschreiberin, ein Konzept, das vielen kaum bekannt ist und immer wieder zu Fragen führt. Ich konnte auch meine ersten Eindrücke von der Kulturhauptstadt schildern und einige Tipps und Hinweise zu Trenčín geben. Die Gruppe hatte bereits einen langen Tag hinter sich, in der Nähe von Bratislava stand der Besuch des Roma-Holocaust-Mahnmals in Dunajská Streda und des Holocaustmuseums Sereď auf dem Programm, wo sie mit einer u. a. Sozialarbeiterin über die aktuelle Lage der Roma in der Slowakei gesprochen hat.

(c) Roma-VHS Burgenland.

(c) Roma-VHS Burgenland.
Am Freitag führte sie ihr abwechslungsreiches Programm nach Martin ins Museum der Roma Kultur, Teil des Freilichtmuseum des Slowakischen Dorfes, das Gebäude und Traditionen verschiedener Regionen der Slowakei präsentiert. Anschließend waren sie in der Neuen Synagoge in Žilina, entworfen vom deutschen Architekten Peter Behrens. Das funktionalistische Gebäude gehört zu den bedeutendsten Bauwerken dieser Art in Europa. Die Teilnehmenden waren sehr beeindruckt. Am völlig verregneten Samstag waren wir wieder in Trenčín verabredet, zu einem Stadtrundgang, der vom Bahnhof aus durch die Innenstadt führte. Auch hier war die Synagoge ein Haltepunkt. Ein Treffen mit einem Trenčíner Verein, der mit Roma arbeitet, hat leider nicht geklappt. Aber ein wunderbares gemeinsames Mittagessen hatten mit im Speranza (!).
Ich habe viel über das multikulturelle Burgenland gelernt, wo viele Minderheiten meist friedlich nebeneinander leben, insbesondere ungarische, kroatische und Roma. Das Konzept der österreichischen VHS ist etwas anders als in Deutschland. Die VHS sind über Vereine organisiert und es gibt mehrere Einrichtungen mit speziellem Fokus auf Minderheiten. Die Angebote richten sich sowohl an Angehörige der Minderheiten als auch an die breite Öffentlichkeit und sollen zur Verständigung und Weiterbildung beitragen. Umfangreiche Informationen zu Roma im Burgenland, aber auch allgemein und auf verschiedene Regionen, u. a. auch zur Slowakei, sind auf www.burgenland-roma.at übersichtlich aufbereitet.
Wäre das Wetter besser gewesen, hätten die Teilnehmenden sicher einen lebendigeren Eindruck von Trenčín gehabt. Im Regen war es doch recht grau und leer erschienen. Dass die Stadt Kulturhauptstadt ist, sei nicht so recht zu erkennen gewesen, hieß es aus der Gruppe. Dennoch hatten sie freundliche Begegnugen und interessante Erlebnisse.
Fortsetzung folgt!

Eine Roma-VHS, was es alles gibt! Wieder schlauer geworden. Was steht denn auf den Steinen zum Beispiel?
Danke für den Kommentar. Schau doch mal in der Galerie zur Ausstellung, dort sind ein paar der Steine mit den Fragen. Es dreht sich alles um Gleichberechtigung und Ungleichheit, Armut und Reichtum, Privilegien und Benachteiligungen, …
Power speaks loudly, hunger whispers.
Who counts the costs of leaving home to survive?
Why does my surname enter the room before I do?
Why do laws protect land faster than people?
Is democracy participation or observation?
Why are women’s struggles called issues and men’s struggles called crisis?
Why are some lives easier to ignore?
Can parliament erase a hierarchy that lives in people’s minds?
When we speak, who is acutally listening?
…
Übringes mit mehrsprachiger Erläuterung: SK, HU, UA und ROMANI