Beatrix: Unterwegs am (ehemaligen) Eisernen Vorhang

An einem sonnigen Tag bin ich mit Beatrix Flatt verabredet. Wir kennen uns nicht, aber die Begegnung ist auch nicht zufällig. Beatrix hatte mich über meinen Blog entdeckt und angeschrieben. Auch sie führt einen Blog über ihr Projekt, das mich sehr interessiert. Die Journalistin und Reisebloggerin aus Helmstedt in Niedersachsen direkt an der ehemaligen innerdeutschen Grenze war Ende Mai im bulgarischen Burgas auf eine besondere Fahrradtour aufgebrochen. Zwei Monate lang fuhr sie ganz allein am ehemaligen Eisernen Vorhang entlang und machte dabei u. a. in Bratislava Station. Da lag es nahe, auch Trenčín zu besuchen, obwohl es von der Route etwas entfernt liegt.

Insgesamt hat der Iron-Curtain-Trail etwa 10.000 Kilometer. Beatrix hat in 60 Tagen 3.836 Kilometer zurückgelegt und dabei 13 Länder durchquert, resümiert sie auf ihrem Blog. Das ist wirklich beeindruckend. Schon im vergangenen Jahr war sie im Norden Europas an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West unterwegs gewesen und schildert mir nun, dass der Eiserne Vorhang gerade dort jetzt teilweise wieder sehr real ist. Die skandinavischen und baltischen Staaten überwachen ihre Grenzen zu Russland und Belarus mit moderner Technik sehr genau.

(c) B. Flatt

„Die Teilung Europas durch den Eisernen Vorhang hat tiefe Spuren in den Gesellschaften und Landschaften hinterlassen. Bis heute prägt die Geschichte der Konfrontation das Zusammenleben der Menschen in den Grenzregionen. Auch mehr als 35 Jahre nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs fehlt es vielerorts an einer grenzüberschreitenden Erinnerungskultur. (…) Als Journalistin fasziniert mich, wie sich historische Ereignisse und aktuelle Entwicklungen auf den Alltag in Grenzregionen auswirken und welche Herausforderungen, aber auch Chancen sich daraus für die Zukunft ergeben.„(Beatrix auf ihrem Blog)

Im Süden kann man dem Euro-Velo-13-Radweg folgen, der allerdings oft nicht gut ausgeschildert ist. Es hängt sehr vom Land ab, durch das man gerade reist. In Serbien und Ungarn ist es etwas besser als beispielsweise in Rumänien oder Bulgarien. Die Strecke führt teilweise am Donauradweg entlang, so auch in Bratislava. Beatrix ist bestens vorbereitet und sehr fokussiert, ihre Antennen sind immer auf Empfang für eine gute Geschichte, denn unterwegs spricht sie mit Menschen, um etwas über ihre persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen zu erfahren. Mit dabei ist ihr Übersetzungsgerät und eine Karte auf dem die Handhabung und ihre Anliegen erklärt sind, da die Menschen vor Ort oft kaum Englisch oder Deutsch können und Beatrix die hiesigen Sprachen nicht beherrscht. Ich bin beeindruckt, denn ich habe bei meinen Recherchen in der Slowakei zum Glück keine sprachlichen Hindernisse. Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass sie nahezu täglich einen Blogbeitrag veröffentlicht und obwohl sie immer auf Tour ist und den ganzen Tag auf dem Rad sitzt, Zeit findet, Menschen anzusprechen und gute Geschichten aus ihnen herauszukitzeln. Das braucht ein gutes Gespür für den Moment und die Menschen und auch ein gewisses Maß an Beharrlichkeit. Sie hat keine Zeit und kann sich Hemmungen nicht leisten, antwortet sie mir auf meine Frage, wie sie es schaffe, so viel Inhalt zu produzieren. Nach etlichen Kilometern auf dem Rad setzt sie sich fast jeden Abend an den Computer, um zu schreiben. Ich bin total beeindruckt, tue ich mich doch schwer mit dieser Art von Disziplin und Hartnäckigkeit. Beatrix betont aber auch, dass es nicht immer klappt: manchmal ist sie zu müde und manchmal gelingt es auch nicht, eine gute Geschichte zu finden oder die Menschen zum Reden zu bekommen.

Interviewsituation, (c) B. Flatt

Erfahrungen mit einem solchen Projekt hat sie bereits bei ihrer Tour am Grünen Band an der innerdeutschen Grenze gesammelt. Die Geschichten und viele Fotos hat sie in ihrem ersten Buch veröffentlicht, das großen Anklang gefunden hat. Und so entstand die Idee, eine Reise durch ganz Europa zu machen, deren zweite Etappe sie in diesem Sommer absolviert:

„Gestartet bin ich im bulgarischen Burgas am Schwarzen Meer – und nach zwei intensiven Monaten schließt sich nun am Dreiländereck bei Hof (Tschechien/Bayern/Sachsen) ein ganz persönlicher Kreis. Genau an diesem Punkt begann nämlich vor sieben Jahren meine damalige Wanderung entlang des Grünen Bandes vom Dreiländereck bis auf den Priwall an der Ostsee.“ (Beatrix auf ihrem Blog)

Die Slowakei hat etwas 80 km Weg am Eisernen Vorhang. Beatrix kam über Kittsee, wo sie mit dem Bürgermeister gesprochen hat, nach Bratislava. Sie erzählt mir, dass sie dort eine ehemalige Bunkeranlage entdeckt hat, die inzwischen ein privates Museum ist. Außerdem hat sie im Plattenbauviertel Peteržalka mit einer jungen Slowakin über ihren Eindrücke zur Situation im Land gesprochen, bevor wir uns in Trenčín begegnet sind und sie auch mich zu meiner Sicht befragt hat.

Beatrix in den Rhodopen, (c) B. Flatt

Ich frage auch nach dem Unterschied zwischen der Nord- und der Südroute. Im Finnland ist der Grenzbereich wie ausgestorben. Seit dem russischen Angriffskrieg sind alle Kontakte unterbrochen, von einem Tag auf den anderen waren die Grenzen zu, Austausch nicht mehr möglich, viele Projekte zum Beispiel im Bereich Naturschutz konnten nicht weiter verfolgt werden. Das Thema ist sehr präsent und Finnland warkeinesfalls so neutral wie es früher (während des Kalten Krieges)gewirkt haben mag. Finnland hat alle Grenzübergänge zu Russland geschlossen. Auch im Baltikum ist es nur sehr eingeschränkt möglich, die Grenzen gen Osten zu überqueren. Der große Grenzübergang zwischen der estnischen Stadt Narva und der russischen Stadt Ivangorod über den Fluss Narva ist nur noch für Fußgänger geöffnet.

Im Süden ist das ganze Thema nicht so präsent, dort geht es eher um irreguläre Migration in die EU und Geflüchtete aus der Ukraine. Die Landschaft ist wild, die Radwege teilweise ebenso. In Bulgarien begegnen ihr viele wilde Hunde. Erst ab Ungarn wird das Gesamtbild wieder mitteleuropäischer und besser ausgebaut.

Beatrix Flatt und Stefanie Bose in der Gasse von Marcus Aurelius in Trenčín, (c) B. Flatt

Natürlich möchte Beatrix auch etwas über meine Eindrücken von Trenčín, dem Programm der Kulturhauptstadt, Schwerpunkten und Highlight, aber auch dem Leben in der Stadt und der aktuellen Situation in der Slowakei erfahern. Und sie will wissen, was ich als Stadtschreiberin der Kulturhauptstadt eigentlich so mache. Im gemütlichen Café Sladkovič sind zwei Stunden schnell vorbei und natürlich will Beatrix noch etwas von der Stadt sehen und auf die Burg steigen. Sie hat nur wenig Zeit und fährt am Abend mit dem Zug zurück nach Bratislava, um ihren Weg fortzusetzen.

Am 11. August ist sie wieder in Deutschland angekommen und zieht ein kurzes Resümee auf ihrem sehr interessanten Blog. Klare Leseempfehlung! Und auch über diese Reise soll ein zweisprachiges Buch entstehen (Juli 2027).

Ich freue mich, dass wir uns kennengelernt haben!

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