Besuch aus Babelsberg
Was für eine bunte, intensive und spannende Woche! Von 15. bis 18. Juni waren fünf Jugendliche und Lehrerin meine Gäste in Trentschin/Trenčín. Die kleine Crew hatte die Aufgabe, mich zu interessanten Orten zu begleiten und Material für einen Dokumentarfilm über meine Arbeit, das Stadtschreiberinnen-Dasein und die Kulturhauptstadt zu drehen. Bis Anfang kommenden Jahres soll daraus ein interessanter Rückblick entstehen, der bei verschiedenen Veranstaltungen gezeigt werden und dann auch im Internet zur Verfügung stehen soll. So einen Dreh habe ich noch nie mitgemacht, wusste also nicht, worauf genau ich mich einlasse. Die Erfahrung war für uns alle sehr bereichernd. Ein tolles Team, bestes Wetter, inspirierende Begegnungen und eine Schulung unserer Flexibilität und Problemlösungsfähigkeiten.
Das Filmprojekt entsteht als Auftrag des Deutschen Kulturforums östliches Europa. Die Schülerfirma MCB filmproductions, die zum MedienCampus Babelsberg gehört, produziert aus dem gesammelten Material eine ca. 45-minütige Dokumentation. Diese Kooperation besteht seit 2015. Die fertigen Filme sind auf dem YouTube-Kanal des Kulturforums zu finden. Die Filmpremiere findet im hauseigenen Kino des MedienCampus statt. Der Film über Dorpat/Tartu – Über Trachten und Tatoos (mit Stadtschreiberin Katrin Groth) hat es sogar bis ins Filmfestival Cottbus geschafft, das auf Filme aus Ostmitteleuropa spezialisiet ist.

Begleitet wurde das junge Team durch Kathrin Lantzsch, die am MedienCampus Babelsberg das Profil Film & Technik unterrichtet, das Kino des MedienCampus betreut und Projekte koordiniert. Felicitas, Arthur, Valentin, Marlon und Louis hatten jede Menge Technik dabei, die sie ohne Murren von A nach B und C transportiert haben. Sogar eine Drohne war im Gepäck. Wirklich beeindruckend.
Wenn sich Štefan und Stefanie bei Štefánik treffen, kann man an einem Tag die Stadt erkunden
Am Dienstag standen viele Termine und eine Stadtführung auf dem Programm. Zunächst trafen wir Martin Mojžiš zum Interview, der als Manager für internationale Kooperationen und die europäische Dimension beim Kreativinstitut Trenčín arbeitet, das für die Organisation und Koordination des Kulturhauptstadtjahres zuständig ist. Er hat uns in einen kleinen Co-working Space mitten im Zentrum eingeladen, wo zur Zeit die Ausstellung Nerealizovaný Trenčín (Nicht realisiertes Trenčín) zu sehen ist. Gezeigt werden Pläne, Fotos und Modelle von Bauwerken, die geplant, aber nie umgesetzt wurden. Neben neuen Einkaufzentren an zentralen Orten u. a. eine Formel 1-Rennstrecke oder eine Seilbahn zur Burg hinauf.

Auch alte Postkarten mit historischen Zukunftsvisionen von Trenčín waren zu sehen. Das hat mich direkt an Passagen aus dem Buch Denkst du noch an Trenčín?, in denen die Stadt kosmopolitischer dargestellt wird, als sie tatsächlich ist. Denn eine Metro, Wolkenkratzer und eine Haltstation des Orient Express gibt es nur in der Fiktion.
Anschließend haben wir ein paar Aufnahmen in der Synagoge gedreht, von der die Jugendlichen schwer beeindruckt waren. Das Interieur ist wirklich wunderbar restauriert, doch von außen ist noch einiges zu tun an diesem denkmalgeschützten Objekt.

Nach kurzer Pause trafen wir uns im Štefánik-Park am Milan-Rastislav-Štefánik-Denkmal mit Štefan, unserem ehrenamtlichen Stadtführer für den Urban Walk. Die Kulturhauptstadt hat ein großes Programm für Freiwillige, die geschult werden und dann bei den verschiedenen Veranstaltungen unterstützen. Štefan zeigte uns einige markante Orte und berichtete von den (vor allem baulichen) Veränderungen, die das Kulturhauptstadtjahr mit sich gebracht hat. Er ist von Anfang an bei dem Programm dabei. Früher hat er im Wasserkraftwerk gearbeitet, heute engagiert er sich für seine Heimatstadt, die er sehr liebt. Er war so begeistert und passte sich an unsere Bedürfnisse an. Wir sind durch das Filmen recht langsam unterwegs gewesen und konnten nicht alle Punkte unserer Liste abarbeiten, bekamen aber einen guten Eindruck von der Stadt.
Unerwartetes Überraschungsprogramm mit Stern(chen)

Der Zeitplan war strikt und um 15 Uhr ein weiteres Treffen vor dem Rathaus anberaumt. Begrüßt wurden wir vom zweiten Vizebürgermeister Patrik Žák, der uns in bestem Englisch willkommen hieß. Die beiden Pressedamen Alena Chrenková und Tatiana Petríková begrüßten uns ebenso freundlich und hatten mehr Zeit als erwartet. Wir stiegen also auf den 32 Meter hohen sechsstöckigen Stadtturm, der direkt an das Rathaus angrenzt, und genossen den Blick von oben auf das sonnengewärmte Trenčín. Perfekt für ein paar Aufnahmen aus der Vogelperspektive, auch wenn der Aufstieg auf den im 15. Jahrhundert errichteten Turm (mit entsprechend steilen Holzleitern/-treppen) gar nicht so einfach war.

Direkt im Anschluss wurden wir zum Kulturzentrum Hviezda (Stern) begleitet, wo uns der Leiter Juraj Benda höchstpersönlich für eine umfassende Hausführung (vom Keller bis zum Dach) zur Verfügung stand. Er hat viele Jahre im Ausland gelebt und spricht sehr gut Englisch. Das Kulturzentrum wurde umfassend saniert und 2023 eröffnet. Es bietet allen Generationen, aber insbesondere jungen Menschen Kulturangebote, Workshops, Weiterbildungen, offene Werkstätten und Räume, eigene Ideen umzusetzen. Ein beeindruckendes Projekt. Meine junge Filmcrew war natürlich vor allem von der vorhandenen Technik (u. a. des FabLabs), dem Kinosaal und den Projektoren beeindruckt, mich hat die Architektur fasziniert. Das durch und durch funktionalistische Gebäude stammt aus den 1930er Jahren und wurde vom Trenčíner Architekten Dominik Filipp entworfen. Nach diesem ungeplant langen Tagesprogramm hatten wir uns den Feierabend verdient und alle konnten etwas freie Zeit und vor allem ein leckeres Abendessen gebrauchen.

Ein lohnender Ausflug in die Region: Schulrealität und Kulturarbeit
Der Mittwoch führte uns in die Nachbarstadt Neustadt an der Waag/Nové Mesto nad Váhom, wo wir im Štefánik-Gymnasium schon wieder mit der Nase auf diesen bedeutenden Slowaken gestoßen wurden. Das Gymnasium hat sogar eine Art Reliquie, ein Stück Holz vom Flugzeug, mit dem General Štefánik 1919 abgestürzt ist. Er gilt neben Tomáš Garrigue Masaryk und Edvard Beneš als einer der drei Gründerväter der Tschechoslowakei und wurde unlängst in einer landesweiten Umfrage zum „Slowaken des Jahrhunderts“ gewählt. Während ich in der deutsch-slowakisch-bilingualen Klasse einen kleinen Vortrag zu Leipzig und einen Workshop zu „Tieren, die keine sind“ (von Sparschwein bis Leseratte) hielt, hat das Team den Schuldirektor sowie einige Schüler:innen interviewt. Mehrere der engagierten Deutschlehrerinnen standen uns zur Seite.

Der Direktor konnte auch mit einigen historischen Dokumenten aufwarten, denn Schule hat eine lange Tradition, die an die ehemalige jüdische Schule anknüpft.
Für die Jugendlichen aus Babelsberg war es sicher spannend, einen Einblick in eine slowakische Schule zu bekommen. In der Schulmensa wird noch selbst gekocht, von einem Küchenteam, das direkt bei der Schule angestellt ist. Ganz typisch slowakisch gab es Vorsuppe (Kohlsuppe) und dann die Hauptspeise (Hühnerbein mit Reis und Pfirsichen) sowie Saft aus Sirup oder Wasser. Die Schule kann auf eine sehr lange Geschichte zurückblicken und das hat man der Mensa auch angesehen, eine sympathische kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Hier haben sicher schon viele Generationen ihr Schulessen eingenommen. Kurz bevor wir fertig waren, kamen die Schüler und Schülerinnen. Die Schultaschen landeten hier und da auf dem Boden im Vorraum und dann wurde sich brav angestellt. Eine Wahl gab es beim Essen nicht. Gegessen wird, was auf den Teller kommt.
„Die Menschen in Trenčín waren sehr offen. Vor allem das Gymnasium in Nové Mesto hat mich positiv überrascht. Nicht nur der Direktor und die Lehrerinnen, sondern auch die Schüler:innen waren extrem gastfreundlich und bereit interviewt zu werden. Ein Kulturschock war jedoch wie klein Trenčín ist. Ich wusste nicht, was ich mir unter einer Kulturhauptstadt vorstellen sollte und was so ein Ort verspricht. In den paar Tagen in Trenčín habe ich gemerkt, dass es nicht auf die Größe ankommt, sondern auf den Inhalt. Die Vielfalt hat mich sehr gefesselt. Besonders interessant fand ich die Kirchen und die Synagoge. Viele Religionen sind hier vertreten. Das Projekte war eine tolle Möglichkeit, meinen Horizont zu erweitern und mal etwas Neues zu machen.“ (Felicitas)
In Nové Mesto nad Váhom haben wir anschließend Musikerin und Kulturmanagerin Mária Volarová getroffen, die als Leiterin des Städtischen Kulturzentrums (Mestské kultúrne stredisko) für die Kulturveranstaltungen der Stadt zuständig ist. Das multifunktionelle Gebäude war nur einen Katzensprung vom Gymnasium entfernt. Das Gespräch zwischen ihr und mir haben wir im Ausstellungsraum gedreht, wo gerade in der Woche vorher im Rahmen des Jüdischen Kulturfestivals HaNahar eine Ausstellung zu jüdischen Malern, die aus der Slowakei stammen und vor der Verfolgung in alle Welt fliehen mussten, eröffnet wurde. Ganz unterschiedliche Bilder haben uns wunderbare kleine Geschichten vermittelt. Wir haben über die Jüdischen Kulturtage, die Mária federführend organisiert, und die reiche jüdische Geschichte der Stadt gesprochen. Mária hat uns außerdem zwei anrührende Geschichten von Zeitzeugen erzählt, die hoffentlich im Film Platz finden werden.

Lokalpolitik und Abendromantik
Zurück in Trenčín sind wir direkt zum Interview mit Vizebürgermeister Žák geeilt, dessen Zeit auch wegen der vielen Termine des Kulturhauptstadtjahres knapp bemessen war. Er war sehr offen und authentisch, ein engagierter und passionierter Lokalpolitiker, der nach eigenen Angaben an seinem Job besonders mag, dass es immer irgendwelche Probleme zu lösen gibt.

Mit dem Musiker Daniel Pereira Cristo und seinem Kollegen. Die Portugiesen spielten vor fast vollem Saal verschiedene traditionelle portugiesische Saiteninstrumente.
Eröffnung einer Ausstellung mit Illustrationen zu den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, in Zusammenarbeit mit dem Cervantes-Institut in Bratislava.

Während die Jugendlichen und Lehrerin Kathrin eine wohlverdiente Pause machten, bin ich noch ins Kulturzentrum Hviezda gegangen, wo es eine spanische Ausstellungseröffnung zu den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen (UN-Agenda 2030) und anschließend ein wunderbares portugiesisches Konzert gab (Europa in Trenčín). Nicht zu vergessen das sehr angenehme Café im Haus, dunkel, kühl und mit erfrischenden Getränken. Bei der Ausstellung habe ich sogar ein deutsches Journalistenehepaar, die einen Beitrag zur jüdischen Geschichte Trenčíns planen, und einen deutschen Freund eines portugiesischen Streetart-Künstlers, der hier an einem Projekt im Rahmen des FestArt arbeitet, getroffen. So stellt man sich eine Europäische Kulturhauptstadt vor!

Turbulenzen erfordern Flexibilität
Donnerstag – oh ja, ein turbulenter Tag. Lehrerin krank, damit keine Fahrerin zum Termin, umdisponieren auf Taxi. Puh. So war nur die halbe Crew im Schlepptau. Aber es war auch der letzte Tag. Wegen der weiten Heimfahrt sollten die Zelte in Trenčín schon am Abend abgebrochen werden, um noch einen Zwischenstopp über Nacht in Prag zu machen. Wir hatten also wieder ein volles Programm. Am Morgen die Mittelschule für Kunstgewerbe in Trenčín (ŠUP). Unter Anderem haben wir die Ateliers für das Schneiderhandwerk besucht, denn Trenčín war einst als Stadt der Mode bekannt, mit Textilproduktion und Nähereien.

Heute zeigt sich diese Tradition sowohl im Programm der Kulturhauptstadt als auch in den Erinnerungen der Menschen. Die Werkstätten und Maschinen alt, aber die Ideen frisch. Die Schule hat aber inzwischen auch viele andere Ausbildungszweige und zunehmend auch digitale Angebote. Bis zum 25. September kann man im Slowakischen Institut Berlin die Ausstellung ŠUP do Trenčína (etwa Auf nach Trenčín) besichtigen, in der die Schule Arbeiten verschiedener Bereiche präsentiert.

In der Nähe hat auch der Künstler Juraj Toman sein Atelier, der an zwei Büchern von Lukáš Cabala mitgearbeitet hat. Wir begleiteten die beiden (inklusive Hund) in das kreativ-chaotische winzige Atelier, wo wir sie zu ihrer Arbeit interviewt haben. Tolle Kulisse, beste Stimmung.
Dann ging es direkt zum Hauptbahnhof weiter, wo einer meiner Lieblingsorte zu finden ist, den ich unbedingt im Film haben wollte: der Käseautomat.

Auf dem Rückweg in die Stadt standen wir noch für ein Reel mit dem Team von Trenčín 2026 zur Verfügung und verstreuten uns dann zum Mittagessen in der Stadt. Der geplante Gesprächstermin mit Oľga Hodálová, Leiterin der Jüdischen Gemeinde, musste leider entfallen, gerettet hat uns dann aber Maroš Borský, der u. a. das Jüdische Gemeindemuseum in Bratislava leitet und zufällig gerade an der Synagoge vorbei kam. Er gab uns spontan ein kurzes Interview, sogar in bestem Deutsch. Was für ein Glück.

„Ich habe bereits im letzten Jahr am Stadtschreiberinnen-Film (Brigyda Helbig in Stettin/Szczecin) mitgewirkt und war gerne wieder dabei. Die langen Autofahrten haben wir mit Karaoke und Rätselspielen überbrückt. Trenčín zu erkunden, war auf jeden Fall ein Highlight für mich. Zwar mussten wir wegen einiger Probleme mit der Technik kreativ werden, aber diese Herausforderung haben wir gemeinsam gemeistert. Überrascht hat mich, dass wir gar nicht so viel typische Ostblock-Architektur (Plattenbauten) gesehen haben. Trenčín kam mir sehr vielfältig und ästhetisch vor.“ (Louis)
Zwei wichtige Motive durften zum Abschluss nicht fehlen: die Burg und die Stadtbibliothek, in der ich dann wieder meiner Recherchearbeit als Stadtschreiberin nachgehen werde.


Alles im Kasten
Wir haben wirklich viel geschafft und tolle Motive gefunden, obwohl ich noch viele andere Ideen hatte. Die Organisation der Termine war nicht immer ganz einfach. Manchmal merkt man dann doch, dass es kulturelle Unterschiede gibt. Dem deutschen und auch meinem persönlichen Bedürfnis nach frühzeitiger Vorbereitung und Absprache stand manchmal die slowakische Spontanität und Improvisationsgabe entgegen. Teilweise musste ich einige Geduld aufbringen, um konkrete Termine zu bekommen. Aber in all dem slowakischen Chaos ist am Ende (fast) alles gut ausgegangen und wir wurden meist sehr freundlich empfangen und willkommen geheißen. Die Crew konnte sicher viel mitnehmen aus den inspirierenden Begegnungen mit Menschen, deren Arbeit auch ihre Berufung ist und die mit so viel Begeisterung etwas voranbringen wollen, obwohl das in einem Land „as delicate as ours“ (Patrik Žák) nicht immer einfach ist. So viel Engagement steckt in der Kulturhauptstadt und der Region. Aber auch die Filmcrew hat mich mit ihrem großen Commitment für den Film begeistert.

„Es war eine tolle Erfahrung! Ich denke, wir haben gute Aufnahmen gemacht und können zur Premiere einen großartigen Film präsentieren. Vielen Dank an alle.“ (Arthur)
Unsere Gesprächspartner haben immer wieder auch betont, wie wichtig die Jugend ist, unsere gemeinsame europäische Zukunft, Menschlichkeit und Dialog. Ich danke der Crew für ihre Neugier, Mühe und Flexibilität und bin sehr gespannt auf den Film, der Anfang 2027 fertiggestellt sein soll. Bis dahin bleiben wir für die Nachproduktion und das Einsprechen einiger Textstellen in Kontakt.
Als kleinen Vorgeschmack gibt es hier schon einen Blick hinter die Kulissen:
