Auf Spurensuche im Umland: Von Schuhen, Karpatendeutschen und Lebkuchenhäusern

Wir sitzen im Restaurant auf einer Bank, die sehr nah am Tisch steht. Aus dem Aquarium glotzt uns ein Karpfen an. Was er uns wohl sagen will? Das Lokal erinnert ein wenig an eine Höhle, feuchte Luft, Aromen von Moder, Bier und Bratfett. Wir bestellen panierten Käse und Kofola. Ich bin mit Lukáš Cabala und einem deutschen Journalisten im Plzenská verabredet. Das Restaurant „aus alten Zeiten“ ist auch ein Schauplatz in Denkst du noch an Trenčín? Wir sprechen über das Buch, über die Stadt und die Pläne für die kommenden Tage.

Mitte Juni ist Terry Albrecht, freischaffender Journalist aus Köln, in Trenčín und Umgebung unterwegs. Er ist auf der Leipziger Buchmesse auf die Kulturhauptstadt aufmerksam geworden und sammelt nun eine Woche lang Material für gleich mehrere Artikel, u. a. für den WDR und Deutschlandfunk. Er fährt regelmäßig in die Europäischen Kulturhauptstädte, um über interessante Projekte zu berichten und ist bestens vorbereitet. Einen Tag lang darf ich Terry und seine Frau, die mit dem Auto da sind, begleiten. Wir besuchen überaus interessante Orte in der Umgebung und haben dabei fachkundige Gesellschaft von Gabriela Hložová, die als Gästemanagerin der Region Považie arbeitet und sehr gut Deutsch spricht. Im Laufe der Zeit haben wir uns angefreundet.

Weil Terry Albrecht Denkst du noch an Trenčín? bereits gelesen und eine sehr wohlwollende und ausführliche Rezension dazu verfasst hat, verabreden wir uns auch mit Autor Lukáš Cabala. Wir wollen über den Roman sprechen und treffen uns dafür an einem der Schauplätze des Buches: Ganz authentisch ostalgisch gehen wir ins Plzenská mittagessen, inklusive Karpfen im Aquarium, Kofola vom Fass und Portionen „wie bei Muttern“. Diese kleine Reise in die Vergangenheit ist überaus angenehm verbrachte Zeit.

»Genau das ist es. Und jetzt zieh dich an, wir gehen ins Plzenská und essen einen panierten Käse für drei Kronen.«
Ein paar Minuten später saßen sie auf einer Bank, die sehr nah am Tisch stand. Das Etablissement erinnerte an eine Höhle. In die feuchte Luft der Kneipe mischten sich Aromen von Moder und Bier.
»Hier in Trenčín gibt es so ein Netz von Läden und Lokalen, aber nur die Einheimischen wissen davon«, erklärte er ihr beim frühen Mittagessen. »An diesen Orten bezahlt man mit tschechoslowakischen Kronen. (Denkst du noch an Trenčín?, Kapitel „Ostalgie“)

Dann geht jeder wieder seiner Wege, doch weil Trenčín eine überschaubare Altstadt hat, laufen wir uns noch mehrfach über den Weg. Ohnehin bin ich für den nächsten Tag mit Terry, seiner Frau und Gabriela verabredet, um sie auf einen Ausflug in die Region zu begleiten.

Die Rezension von Terry Albrecht zu Denkst du noch an Trenčín? ist Anfang Juni im WDR gelaufen. Leider stellt der Sender aktuell u. a. Literaturrezensionen nicht in der Mediathek bereit. Empfehlen kann ich jedoch einen interessanten Beitrag über die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt.

Tomáš Baťa in der Slowakei

In Partizánske (ehemals Baťovany) werden wir am Baťa-Point von Katarína Janíčková empfangen, die uns einiges zur Geschichte des Ortes erzählt, der von der Firma Baťa 1938 gegründet wurde, um den Werktätigen modernen Wohnraum in direkter Nähe zum Arbeitsplatz zur Verfügung stellen zu können. Den tschechischen Schuhfabrikanten Tomáš Baťa, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird, bringt man vor allem mit dem mährischen Zlín (deutsch Zlin; von 1949 bis 1990: Gottwaldov) in Verbindung, wo im Juli leider eine der ehemaligen Fabriken vollständig abgebrannt ist. Auch für mich ist neu, dass Baťas Unternehmen, das er zusammen mit seinem Halbbruder Jan Antonín Baťa geführt hat, auch in der Slowakei (damals Tschechoslowakei) so umfassende Spuren hinterlassen hat: Bis 1948 hatte die Firma im Land mehr als 400 Verkaufsstellen und um die 42 Orte, die mit der Herstellung der legendären Schuhe verbunden waren. Heute gibt es in einem der ältesten ehemaligen Arbeiterhäuser (gebaut 1938/39) ein Informationszentrum, das u. a. Workshops für Schulen und Führungen anbietet.

Die Firma war hier zehn Jahre lang tätig und besaß um die 30 Hallen. Die erste Halle wurde am 8.8.1938 eröffnet. Allein 1939 wurden im ersten halben Jahr 1,5 Millionen Paar Schuhe hergestellt. Nach dem Krieg haben die Kommunisten alles übernommen, die Firma verstaatlicht, umbenannt und für ihre eigenen Zwecke erweitert. Sogar der Ort wurde von Baťovany in Partizánske umbenannt. Die Baťas haben sich zerstritten, einen Teil der Familie um Tomáš Junior (sein Vater war bereits 1932 verstorben) ging nach Kanada und Jan Antonín nach Brasilien. (Katarína Janíčková)

In einer der ehemaligen Produktionshallen ist das Projekt Fabrika 61 entstanden, das die alte Fabrikhalle über einen Verein in ein nachbarschaftliches Kulturzentrum verwandelt und das auch an Projekten im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres beteiligt ist. (Weitere Informationen gibt es auch auf Facebook.)

Nach der Besichtigung des Fabrikareals sind wir hungrig und machen uns auf den Weg in die Innenstadt. Vom Haupttor des Geländes führt ein breiter Weg durch eine Unterführung Richtung Zentrum. An beiden Zugängen sind großformatige alte Fotografien angebracht, die an die Geschichte des Ortes erinnern. Unbekannte haben auf den Wänden persönliche Kommentare zum aktuellen Zeitgeschehen hinterlassen:

Als wir auf der anderen Seite der Unterführung wieder herauskommen, treffen wir zufällig auf eine alte Dame, die viele Jahre in der Fabrik gearbeitet hat. Wir unterhalten uns gerade über eines der großen Fotos, woraufhin die Dame ebenfalls ihre Aufmerksamkeit auf das Bild richtet und ganz nostalgisch zu werden scheint. Kurzerhand sprechen wir sie an. Sie lächelt und erzählt bereitwillig von der anstrengenden, aber auch oft lustigen Zeit:

Ich bin 83 Jahre alt und habe über 50 Jahre in der Fabrik gearbeitet. Zu Hochzeiten waren dort um die 17.000 Leute beschäftigt. Ich stand am Fließband und habe die Fersen in die Schuhe geklebt. Wir haben acht Stunden pro Tag gearbeitet und täglich 1700 Schuhe hergestellt. Arbeit war immer genug da, aber es ging auch fröhlich zu. Über diesen Weg hier sind wir jeden Morgen zur Arbeit gegangen und abends wieder nach Hause. Es ist eine gute Zeit gewesen.

Zu Besuch bei den Karpatendeutschen

Zweite Station des Tages ist das Begegnungshaus der Karpatendeutschen in Deutsch Proben/Nitrianske Pravno, wo wir von einigen älteren Damen und einem Herren sehr freundlich mit Kaffee und Kuchen empfangen werden. Das ehemalige Wohnhaus (deutscher und anderer Bewohner) mit Hof beherbergt neben einem Gemeinschaftsraum, der für Treffen und Veranstaltungen genutzt wird, auch eine Heimatstube mit Ausstellungsstücken und Literatur zur Kultur und Geschichte der Karpatendeutschen. Es gehört zum Museum der Kultur der Karpatendeutschen, das wiederum Teil des Slowakischen Nationalmuseums ist.

Karpatendeutsche ist ein Sammelbegriff für die deutschen Minderheiten, die über mehrere Gebiete (Sprachinseln) in der Slowakei verteilt sind: die Pressburger Deutschen in der Region Bratislava, die Ober- und die Unterzipser im Osten des Landes sowie das Hauerland in der Mittelslowakei. Letzteres liegt in der Nähe von Trenčín und heißt Hauerland, weil die Namen vieler hier gelegener ehemals deutsch besiedelter Orte auf -hau enden, was auf deren mittelalterliche Entstehung durch Rodung verweist (s. auch Artikel auf der Seite des Deutschen Kulturforums östliches Europa). Die Slowakei hat 15 anerkannte Minderheiten, zu denen auch die Deutschen gehören, die jedoch nur unter 0,1% der Bevölkerung darstellen (Quelle).

Hilda Steinhübl, Vorsitzende der Region Hauerland des Karpatendeutschen Vereins, erzählt uns, dass es heute nur noch wenige Deutschsprachige in Deutsch Proben gibt:

Bei der letzten Volkszählung waren es 1% von 3000 Einwohnern. Nur wenige sprechen noch die alte Mundart, in der Schule hat man Hochdeutsch gelehrt. Das Hauerland ist bekannt für seine Töpferwaren, aber auch Handarbeiten mit Probener Stickereien. Regelmäßig trifft sich hier eine Frauengruppe zum Sticken, die meisten sind heute aber Slowakinnen. Die Beziehungen sind gut. Ich bin 1950 geboren, meine Eltern haben nichts Schlechtes erlebt, sie haben sich gut mit den Slowaken verstanden und auch mit den Ungarn.

Die Volksgruppe informiert auch im Karpatenblatt (auf Deutsch) über interessante Themen ihrer Gemeinschaft. Reinlesen lohnt sich auf jeden Fall. Im Mai/Juni 2025 ist dort ein Artikel über mich und meine Verbindung zur Slowakei erschienen, weil ich damals für ein Übersetzungsstipendium einen Monat in Schmenitz/Banská Štiavnica verbracht hatte. Und im Juni 2026 fand in Priwitz/Prievidza eine besonderes Festival statt: Die Hochzeit der Karpatendeutschen aus dem Hauerland, über das auch das Karpatenblatt berichtet hat.

Mehr zur Geschichte und Situation der deutschen Minderheiten in der Slowakei erfährt man auch in diesem interessanten Beitrag von Kay Zeisberg: Mini-Minderheit: Die Karpatendeutschen in der Slowakei, vom 27.11.2024.

Lebkuchenhäuser in Übergröße

Auf dem Rückweg nach Trenčín machen wir noch einen Abstecher in das einzigartige Dorf Zimmermannshau/Čičmany. Das gehört zwar nicht mehr zur Region Povážie (Trenčín), sondern zur Region Žilina (dt. Sillein), ist mit dem Auto von Trenčín aus aber gut zu erreichen. Einmal über die „sieben Berge“ und schon ist man im Rajec-Tal, wo sich der malerische Ort befindet, in dem noch um die 124 Einwohner:innen leben.

Die bemalten Holzhäuser lassen den Ort wie aus einem Märchen wirken.

Die besondere Volksarchitektur geht wahrscheinlich auf bulgarische Einwanderer zurück (in einer anderen Vermutung werden deutsche Ursprünge erwähnt). Es gibt sie nur in diesem einen Dorf. Gästeführerin Sylvia Belišová vom regionalen Tourismusverband macht mit uns einen kleinen Spaziergang durch das Dorf und erklärt, wie es zu den verschiedenen Mustern kam. Zunächst hat man etwa im 18. Jahrhundert die Ecken der Häuser sowie um die Fenster und Türen herum einen kalkhaltigen Schutzanstrich aufgetragen, später kamen Muster hinzu. Die Bemalungen waren erst einfach und wurden dann immer ausgefallener. Für die meist geometrischen Dekoration waren ausschließlich die Frauen zuständig, die freihändig zeichneten, nicht selten entstand ein regelrechter Wettbewerb um das schönste Haus.

Rechts: Die ursprüngliche Bevölkerung lebte von der Landwirtschaft, hielt Schafe und stellte den slowakischen Schafskäse Bryndza (dt. Brimsen) her, der auch für das slowakische Nationalgericht Brimsennockerln bryndzové halušky verwendet wird.

Links: Die Muster sind oft von den typischen Stickereien aus Čičmany übernommen, denen auch ich nicht widerstehen kann. Ich kaufe mir ein T-Shirt und einen Magneten.

Die Bewohner des Ortes waren aber auch Waldarbeiter, stellten Glas und Kleidung her und verkauften die Waren bis nach Mähren, Österreich und Ungarn. Das Dorf erlebte im 20. Jahrhundert mehrere Brände (1907, 1921, 1945), denen viele Häuser zum Opfer fielen. Teilweise wurden die alten Holzhäuser jedoch ersetzt und im traditionellen Stil wieder aufgebaut, insbesondere nach 1921. Mit staatlicher Unterstützung und unter Mitwirkung des bekannten slowakischen Architekten und Ethnographen Dušan Samuel Jurkovič (1868-1947) konnte so ein Teil des alten Charmes erhalten werden. Jurkovič war bereits 1894 zu Besuch in Čičmany gewesen und wählte eines der Häuser als Vorlage für eine Replik, die im Rahmen der Tschechoslowakischen ethnografischen Ausstellung 1895 in Prag ausgestellt wurde, was sowohl für den Architekten als auch für das Dorf große Aufmerksamkeit nach sich zog.

Im April hatte ich Gelegenheit Jurkovičs Villa (gebaut 1906) in Brünn, wo er seit 1899 gelebt hat, zu besichtigen. Ein wunderschönes Gebäude.

1945 fielen in Čičmany 25 Häuser und 10 weitere Gebäude den Flammen zum Opfer. Im Zuge der Niederschlagung des Slowakischen Nationalaufstandes hatten deutsche Truppen auch in diesem Dorf gebrandschatzt. 1977 wurde ein Teil der Gebäude unter Denkmalschutz gestellt. Čičmany ist heute eines der zehn Kulturreservate für Volksarchitektur in der Slowakei. Auch hier gibt es ein Museum, in dem man viel über die volkstümlichen Traditionen der Gegend erfährt, ein Informationszentrum und einen ansprechenden Souvenirshop mit Café.

Ein wirklich ereignisreicher und spannender Tag. Der Karpfen im Plzenská hat es wahrscheinlich schon vorausgesehen und wäre gerne ebenfalls auf Reisen gegangen, statt in seinem kleinen Aquarium seine Runden zu drehen.

Zum Schluss noch ein Buchtipp: Wer sich für Volkstrachten und -kultur begeistern kann, dem empfehle ich das Buch Die Haube von Katarina Kucbelová (Ink Press, 2023). Aus dem Slowakischen übersetzt und mit einem Nachwort sowie Glossar versehen von Eva Profousová. Hier besprochen von Tino Schlench.

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