Literarisches in Trenčín, Frankfurt, Wien und Bratislava
Der tschechische Dichter Karel Hynek Mácha schrieb 1836 das romantische Epos Máj (Mai), das bis heute wohl jedes Kind in Tschechien und früher auch in der Slowakei in der Schule gelernt hat. Es beginnt mit Byl pozdní večer – první máj – večerní máj – byl lásky čas (etwa: Spätabend war’s – der erste Mai – der Abendmai – war der Liebe Zeit). Es ist ein Liebesgedicht, das die Schönheit der Natur feiert. Máchas Zeitgenossen war es zu modern. Beim Studium an der Universität Leipzig kamen auch wir Westslawisten nicht an diesem wichtigen Werk vorbei und bis heute klingen die Worte in mir nach. So ist für mich der Mai auch immer ein Monat der Literatur. Und mein Mai 2026 war wirklich sehr literarisch …

Kultur überall um uns herum
„Mit Kultur ist nicht nur die Hochkultur gemeint: Theater, Musik, Kunst und Literatur – Kultur ist viel mehr als das! Doch das ist nicht jedem klar“ erklärt Stanislav Krajčí, Leiter des Kreativinstitutes Trenčín, das für das Kulturhauptstadtprogramm verantwortlich ist, immer wieder in Gesprächen und bei Veranstaltungen. Dass Kultur uns alle jederzeit umgibt, spiegelt sich im Programm des Kulturhauptstadtjahres deutlich wider.
Programm-Tafel
An mehreren Stellen in der Stadt findet man das aktuelle Monatsprogramm auf den städtischen Infotafeln. Ich bleibe oft davor stehen und überlege, an welcher Veranstaltung ich gerne teilnehmen würde. In Trenčín ist in diesem Jahr überdurchschnittlich viel los.

Literaturspaziergang & Workshop mit Studierenden aus Bratislava



Am 7. und 8. Mai waren drei Studentinnen und drei Dozierende der Comenius-Universität Bratislava vom Institut für Germanistik, Niederlandistik und Skandinavistik zu Besuch. Eine literarische Exkursion führte die kleine Gruppe nach Trenčín. Im Mittelpunkt standen Begegnungen mit der zeitgenössischen slowakischen Literatur und literarischen Perspektiven auf die Stadt. Beim gemeinsamen Abendessen saßen wir mit dem Schriftsteller Lukáš Cabala zusammen und sprachen über Literatur, Sprache und das Schreiben in der Gegenwart. Am nächsten Tag hatte ich mit herausfordernden Textbeispielen aus der Übersetzung von Spomenieš si na Trenčín? (Denkst du noch an Trenčín?) einen kleinen Workshop vorbereitet, zu dem wir uns im gemütlichen KAVart getroffen haben. Anhand ausgewählter sprachlicher Probleme haben wir die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Slowakischen diskutiert. Die Studierenden waren sehr interessiert, obwohl nicht alle ein Übersetzungsstudium absolvieren.
Sofia erzählt, sie habe einfach aus Interesse angefangen Deutsch zu lernen. Bei einem Auslandssemester in Deutschland habe sie gemerkt, wie viel relevante Literatur zu ihrem Fach auf Deutsch existiert. Sie schreibt ihre Masterarbeit über russische Politik und dazu gibt es in Deutschland seit Jahrzehnten eine Forschungstradition, die in der Slowakei kaum präsent ist. „Wenn ich auf dem neuesten Stand sein will, muss ich verfolgen, was auf Deutsch zu meinem Thema geschrieben wird. Mein erster Kontakt mit der deutschen Sprache war vor etwa vier Jahren bei einem Sommerkurs in Graz. Seit letztem Jahr lerne ich intensiver, habe zwei Kurse beim Goethe-Institut gemacht, an einem Sommerkurs in Bielefeld teilgenommen und ein Auslandssemester in Leipzig verbracht.“

Daryna studiert seit 2021 Übersetzen und Dolmetschen für Deutsch und Englisch. Zu Beginn war es schwierig, weil sie in der Mittelschule kein Deutsch hatte und die Sprache erst mit dem Studium begonnen hat. Doch Schritt für Schritt hat sie das Deutsche lieben gelernt. Sie lächelt und meint: „Es scheint mir, dass deutsche Wörter sehr witzig sein können, weil sie oft zwei oder mehr Wörter in sich vereinen. Das hilft mir, mir die Wörter leichter zu merken – wie zum Beispiel das Wort ‚verschlimmbessern‘.“ Deutsch bietet für Daryna gute Perspektiven: bei Reisen, bezüglich Arbeitsmöglichkeiten und Karrierechancen. „Deutsche Sprachkenntnisse sind ein Vorteil für meinen Lebenslauf, weil es eine große Nachfrage nach dieser Sprache gibt. Wenn ich dazu noch Ukrainisch, Slowakisch und Englisch anbieten kann, ist das ein großer Pluspunkt für meine berufliche Zukunft.“
Ergänzt wurde das Programm durch eine literarische Stadtführung, mit Textbeispielen anderer Autor:innen, die die Stadt in ihren Texten erwähnt haben oder gar aus Trenčín stammen (Iryna Brežna, Eva Umlauf, Fritz Mautner, Alfons Petzold).

„Trenčín war wie durch ein Wunder beinahe unversehrt vom Krieg geblieben. Die alten Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert standen noch um den von amerikanischen Zirbelbäumen beschatteten Platz, den die Faschisten ‚Andrej-Hlinka-Platz‘ genannt hatten, die Kommunisten ‚Stalinplatz‘ und der heute ‚Platz des Friedens‘ heißt. Es gab die kleinen Läden und Kaffeehäuser, das Gymnasium, das ehrwürdige Hotel Tatra, selbst die Synagoge wurde weder von den Nationalsozialisten noch später von den Kommunisten irreparabel zerstört. Bis heute verfügt Trenčín über viele malerische Ecken.“ (Eva Umlauf, Die Nummer auf deinem Unterarm ist so blau wie deine Augen, 2021)

„Unsere Stadt hat eine Burg, die sich über dem Korso erhebt, den halben Sonntagshimmel bedeckt und wie ein Spielzeug ist, das mit einem Vergrößerungsglas angeschaut wird. Dort herrschte früher ein fremder Fürst und er herrschte auch über den Fluss, der eine Schleife um unsere Stadt macht, als nähme er sie behutsam in die Arme.“ (Irena Brežná, Die beste aller Welten, 2008)
Er hatte eben einen kleinen Slowakenjungen erblickt, der neugierig neben ihnen stehengeblieben war. Er hatte es sich gemerkt, wo die Slowaken herkamen, und mit einem stolzen Aufleuchten seiner großen blauen Augen fragte er: ‚Ich weiß auch etwas, was du nicht weißt. Wo ist Trenschin?‘ ‚Trenschin? Da kommen die Mausiratzenfaller her!‘ antwortete Otto lebhaft, um wenigstens seine kulturhistorischen Kenntnisse zu zeigen, da er die geographische Lage nicht sofort feststellen konnte. […] Was wußten die vornehm gekleideten Herren von Trenschin? Trenschin war weit, weit weg. Viele Monate musste man wandern, wandern am Fluß vorbei und durch blühende Felder, über Berg und Tal, durch Wald und Sand, wandern bei Nacht und Wind und bei sengender Sonnenglut, wandern mit lahmen Füßen, unter drückenden Warenlasten, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, bevor man hierher gelangte zu den fremden deutschen Menschen.“ (Fritz Mauthner, Vom armen Franischko. Kleine Abenteuer eines Kesselflickers, 1879 – projekt-gutenberg.org)

Lesereise: Frankfurt am Main

Was für eine große Ehre für uns, Teil einer Veranstaltung zur Kulturhauptstadt Trenčín in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) in Frankfurt am Main sein zu dürfen. Die Anreise aus Trenčín war zugegebenermaßen nicht so einfach, aber es hat sich auf jeden Fall gelohnt. Über 200 Gäste waren gekommen, beeindruckend und vielleicht ein wenig einschüchternd. Zunächst gab es einige Grußworte von Dr. Sylvia Asmus, der Leiterin des Deutschen Exilarchivs, Dr. Ina Hartwig, der Kulturdezernentin der Stadt Frankfurt am Main, des Honorarkonsuls der Slowakischen Republik Imrich Donath und der stellvertretenden Direktorin des Deutschen Kulturforums östliches Europa Tanja Krombach. Dann wurde die Kulturhauptstadt und vor allem das jüdische Leben in verschiedenen Facetten vorgestellt, u. a. von Dr. Maroš Borský, dem Direktor des Jüdischen Gemeindemuseums Bratislava, und Dr. Eva Umlauf, Holocaust-Überlebende und Präsidentin des Internationalen Auschwitz Komitees, die in Trenčín aufgewachsen ist. Die musikalischen Intermezzi von Hudba na tanieri (Musik auf dem Teller) und unsere Buchvorstellung rundeten das Programm ab.




Einen schönen Rückblick auf die Veranstaltung hat Jana Weinlich für den Blog der DNB verfasst, der hier zu finden ist. Die Veranstaltung wurde aber auch live gestreamt sowie aufgezeichnet und kann hier angeschaut werden.
Lesereise: Wien
Nach verschiedenen Lesungen in Deutschland sind Lukáš Cabala und ich schon ein recht eingespieltes Team, obwohl seine große Spontanität auch immer wieder neue Aspekte hervorzaubert und Antworten auf dieselben Fragen ganz unterschiedlich ausfallen. Diesmal waren wir nach Wien gereist, wo wir uns zunächst mit Ildikó Síposová, der Direktorin des Slowakischen Institutes Wien, getroffen haben. Dann sind wir durch die Straßen und Gassen, vorbei am Dom und einigen typisch wienerischen Fiakern zur Österreichischen Gesellschaft für Literatur (ÖGfL) spaziert, wo man uns sehr freundlich empfangen hat. Die Veranstaltung war trotz enormer Hitze recht gut besucht und wir konnten wieder ein Stück Trentschin/Trenčín in die Welt tragen.




Tatsächlich treffe ich in Trenčín recht häufig auf Gäste aus Österreich. Eine Teilnehmerin der Studienreise der Roma-VHS war ebenfalls zu unserer Lesung gekommen. Das hat mich besonders gefreut. Sie hat vor Kurzem herausgefunden, dass ihre Großeltern in Trenčín geheiratet haben und dort eine Weile gelebt haben müssen.
Die ÖGfL hat auf ihrer Webseite im Blog einen schönen Bericht zu unserer Veranstaltung veröffentlicht, dem ich nicht viel hinzuzufügen haben. Wir haben uns über die Einladung jedenfalls sehr gefreut.
Büchergalaxie in Trenčín: Terpentin

Kaum zurück in Trenčín hat Lukáš im Kulturzentrum Hviezda, das eine fantatische funktionalistische Architektur hat und erst 2023 komplett renoviert worden ist, sein neuestes Buch vorgestellt. Terpentin handelt von einem Künstler, Terpe, der die Welt in seinen eigenen Farben sieht. Die Geschichte spielt vor dem Hintergrund der düsteren Gegenwart (der Slowakei). Terpe kann sich nicht länger nur ins Malen zurückziehen, wenn die noch freie Welt immer stärker bedroht wird. Das Buch ist in enger Zusammenarbeit zwischen dem Maler Juraj Toman und dem Autor entstanden.
Ich fand es faszinierend, den beiden beim Schlagabtausch zuzusehen und zuzuhören. Wenn nicht gedolmetscht werden muss, können leichter Dynamiken entstehen, weil die Reaktionen unmittelbarer erfolgen. Es war trotz des düsteren Themas ein sehr amüsanter Abend mit viel Publikum. Das zucken mir direkt die Finger für eine neue Übersetzung.
Kein Kulturhauptstadtjahr ohne Stadtbibliothek
Um eine Institution komme ich in Trenčín natürlich nicht herum: die Stadtbibliothek, die mich von Anfang an mit offenen Armen empfangen hat. Im Mai habe ich erste Kontakte mit der Leitung und mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geknüpft und einige Ideen für eine mögliche Zusammenarbeit ausgetauscht. Die Stadtbibliothek ist selbstverständlich auch in Projekte des Kulturhauptstadtjahres eingebunden, doch dazu später mehr. Eine erste Veranstaltung, die ich besucht habe, war die Siegerehrung eines traditionellen regionalen Schreibwettbewerbes für Kinder und Jugendliche, die im Atrium unterhalb der Burg stattfand. Begleitet wurde das Programm von zwei Gruppen der Musikschule. Eine tolle Atmosphäre, die Hoffnung gibt, dass auch weiterhin geschrieben und auch gelesen wird, nicht nur in Trenčín.



Moderiert wurde die Veranstaltung von Silvester Lavrík, Autor u. a. von Prosa und Dramen, der in der Nähe von Trenčín lebt.
BRAK – Buchfestival in Bratislava 2026
Der krönende Abschluss des literarischen Monats war für mich auf jeden Fall das Buchfestival in Bratislava BRAK, das vom 27. bis 31. Mai in der Hauptstadt stattfand. Das 2013 gegründete Festival will vor allem unabhängigen Verlagen und Akteuren der Buchbranche eine Plattform bieten. Neben unzähligen literarischen Veranstaltungen an verschiedenen Orten in der Innenstadt (oft auch in städtischen Institutionen) gab es eine gut besuchte Verkaufsausstellung mit Büchern kleiner und mittlerer Verlage mitten auf dem Platz vor dem alten Rathaus. Es wird eben doch noch gerne gelesen! Aber auch Illustratorinnen und Illustratoren konnten ihre Werke präsentieren, haben Workshops gegeben und ihr Können vorgeführt.
„BRAK ist gleichermaßen ein Festival für Schriftsteller, Verleger, Übersetzer, Buchgrafiker, Illustratoren, Typografen und weitere Berufe, die mit der Buchgestaltung zu tun haben“, ist auf der Webseite zu lesen. Das war auch überall zu spüren, an gefühlt jeder Ecke der Altstadt traf ich auf bekannte Gesichter, Autorinnen, die ich übersetzt habe, oder Übersetzer, die ich kenne, Verleger, die ich gerne noch kennenlernen wollte und Debütierende, deren Bücher ich mir genauer ansehen sollte. Musik durfte selbstverständlich auch nicht fehlen. Mich hat vor allem die aktuelle slowakische Literatur interessiert, Neuerscheinungen und Unentdecktes, aber es waren auch einige internationale Gäste geladen.
Die tolle Atmosphäre, die bereichernden Gespräche und die Literatur, die in vielfältigen Formen die Altstadt durchflutet hat, haben bewiesen, dass die Kultur in diesem Land noch nicht verloren ist. Auch wenn Förderungen gestrichen werden, wenn Stipendien nur an Personen vergeben werden, die vermeintlich ins Bild passen, und wenn die Kulturpolitik spart und eingreift, wo sie kann, ist es möglich, so etwas Schönes und Inspirierendes wie dieses literarische Fest zu organisieren.

Die Festivalmacher hatten im Vorfeld eine größere Unterstützungskampagne gestartet, weil die übliche staatliche Förderung kurzfristig versagt wurde. Aber Aufgeben war keine Option! Die Veranstaltungen sollten nicht abgesagt werden und vor allem kostenfrei zugänglich bleiben. Ich bewundere die Kraft und den Willen der Beteiligten, sich nicht unterkriegen zu lassen. Es war eine große Freude, dabei gewesen zu sein!
Und was habe ich verpasst?!

Weil ich nicht überall sein kann, habe ich zum Beispiel die Nacht der Literatur in Trenčín und den Literaturfrühling in Trenčianské Teplice verpasst, wo u. a. der Karel-Čapek-Preis vergeben wurde. So endet der Blogbeitrag wieder mit einem Tschechen, denn Čapek stammt aus Klein Schwadowitz/Malé Svatoňovice bei Trautenau/Trutnov (in seinem Geburtsjahr 1890 noch Teil Österreich-Ungarns). Čapek ist unter anderem für die Erfindung des Wortes Roboter bekannt (in seinem Roman R. U. R.), das habe ich schon im Studium gelernt. Dass er sein berühmtes Werk jedoch teilweise in dem slowakischen Kurort Trenčianské Teplice verfasst hat, wusste ich nicht.
