Zu Besuch beim Trentschiner Henker

Ich stehe in der Touristeninformation und warte auf meine Freunde, die gerade zu Besuch in Trenčín sind und sich in diesem Moment einige Postkarten aussuchen, als die Frau, die eben zur Tür hereinkommt, sich am Infotresen erkundigt, was kat auf Deutsch heißt. Die Mitarbeiterin weiß es nicht. Aber weil ich es weiß, helfe ich ihr mit dem Henker aus. Sie führt gerade einen deutschsprachigen Herrn herum und wollte ihm offensichtlich das Haus des Henkers empfehlen. Auch ich habe mich unlängst dorthin begeben. Für mich ist es, insbesondere wegen der hölzernen Pawlatsche, eines der schönsten Häuser in Trenčín, obwohl es sehr einfach gehalten ist. Dabei habe ich ein paar spannende Objekte entdeckt.

Das Haus des Henkers befindet sich in der Matúš-Čák-Straße, auf halbem Weg zur Burg hinauf und mitten in der Altstadt. Der Weg dorthin führt über altes Kopfsteinpflaster durch romantische Gassen. Das Haus sieht eher aus wie ein Turm und hat drei Etagen. Ganz unten ist seit Neuestem ein theatralisch dekoriertes Café untergebracht, das Touristen anlocken soll. Neben einem großen Wandbild mit Henker gibt es auch einen Prangerkäfig, in dem man sich fotografieren lassen kann. Auch Souvenirs sind im Angebot. Doch die lasse ich links liegen und steige die Treppen zum Museum hinauf.

Das im Renaissancestil vermutlich um 1607 erbaute Stadthaus ist im nahezu originalen Zustand erhalten. Es hat den Henkern der Stadt einerseits als Behausung gedient, andererseits befand sich im feuchten dunklen Keller ein Verlies. Dort fristeten die Gefangenen und Verurteilten ihr Dasein, bis der Henker seines Amtes walten musste. Das Schafott befand sich außerhalb der Stadtmauern, zunächst unweit des Unteren Stadttors (beim Stadtturm). Später hat man den Galgen weiter an den Stadtrand verlegt.

Beruf Henker

Henker ist im Mittelalter ein ordentlicher, wenn auch unehrenhafter Beruf, doch nicht jeder Ort durfte einen anstellen. Trenčín besaß als königliche Freistadt (Privilegium von 1412 durch den ungarisch-kroatischen König und späteren römischen Kaiser Sigismund von Luxemburg verliehen) auch das Schwertrecht und durfte demnach einen eigenen Henker beschäftigen.

„Die häufigste Formen der Hinrichtung waren das Enthaupten oder das Erhängen. In Ungarn wurde weder mit der Axt enthauptet noch legte der Verurteilte seinen Kopf auf den Block. Die Enthauptung erfolgte mit einem speziellen zweischneidigen Schwert mit stumpfem Ende. Der Verurteilte kniete oder saß auf einem Stuhl. Der Henker vollstreckte die Hinrichtung entweder mit dem städtischen Hinrichtungsschwert oder mit seinem eigenen Schwert; in diesem Fall stand ihm eine höhere Gebühr für die Hinrichtung bzw. eine Gebühr ‚für das Schärfen‚ zu.“ (Quelle)

Als ihn ein paar Tage zuvor auf der Matúšova ulica jemand gefragt hatte, ob er wisse, in welchem Gebäude es in dieser Stadt spuke, hatte er geantwortet: »Sehen Sie dort das Haus des Henkers? Überall, außer in diesem.« Das war im Grunde so ein uralter Running Gag, etwas abgewandelt zwar, aber der Kern blieb erhalten. (S. 58, Denkst du noch an Trenčín?)

Die freundliche Dame, bei der ich mein Ticket kaufe, erklärt mir, dass normalerweise ehemalige Soldaten oder andere Interessenten vom Stadtrat als Henker eingestellt wurden. Manchmal, wenn es niemanden gab, wurden Henker aus benachbarten Städten geholt oder einer der Verurteilten erhielt die Möglichkeit, sich als Henker zu verdingen und damit sein Leben zu retten. Als Zeichen, dass er kein ordentlich gewählter Henker war, soll man ihm jedoch die Ohren abgeschnitten haben.

Die Burg Trenčín galt als unbezwingbar, kein Angreifer hat sie je gewaltsam einnehmen können. Im Jahr 1528 belagerte General Katzianer, der von Ferdinand I. von Österreich entsandt worden war, mit seiner Armee die Burg und konnte deren Kapitulation erzwingen. Burg und Stadt wurden dabei erheblich zerstört. Die Habsburger und die Besitzer der Burg Trenčín beauftragten für die Reparatur und den Umbau der Burg italienische, aber auch deutsche Baumeister, die sich schließlich vor Ort niederließen. Sie werden zum Beispiel in den Rechnungsbüchern der Stadt Trenčín erwähnt, erklärt mir der Historiker Vladimír Pinďák. Sie reparierten und modernisierten die Befestigungsanlagen und Tore. Daneben gab es im 16. und 17. Jahrhundert immer wieder Adlige aus verschiedenene Regionen (deutschsprachig, polnischsprachig, ungarischsprachig), denen die Burg gehörte oder die sich mit ihrem Gefolge in der Stadt aufhielten.

Die Henker von Trenčín und ihre Schwerter

Quellen zufolge verfügte die Stadt über drei Hinrichtungsschwerter. Zwei davon sind erhalten geblieben und gehören zur Sammlung des Trentschiner Museums. Eines trägt zwei deutsche Inschriften. Wie es scheint, eine für den Henker (oder das Schwert selbst) und eine für den Hingerichteten: „Thue recht und furchte niemandt“ und auf der anderen Seite „Wer ehrlich lebt, der ehrlich sterbt.“ Das Schwert ist 104 cm lang und hat eine Stahlklinge, die an einer Seite scharf und der anderen stumpf ist.

„Die deutschen Inschriften auf dem Schwert sind in erster Linie darauf zurückzuführen, dass es sich um ein hochspezialisiertes und teures Werkzeug handelte. Städte, die das Hinrichtungsrecht besaßen, bestellten solche Schwerter oft direkt bei renommierten Waffenschmieden im heutigen Deutschland (z. B. aus Solingen, Passau, Augsburg und München). Deutsche Meister verzierten die Klingen traditionell mit deutschen Inschriften und Gebeten, die die Hinrichtung vor Gott legitimieren und betonen sollten, dass der Henker nur ein Werkzeug der Gerechtigkeit ist.“ (Vladimír Pinďák, Historiker des Trentschiner Museums)

Solche Schwerter konnten jedoch auch aus der Region stammen, da in den Städten Oberungarns damals oft auch Deutsch gesprochen wurde, vor allem unter den spezialisierten Handwerkern. Die Stadt war in dieser Zeit, wie die ganze heutige Slowakei, vielsprachig und kosmopolitisch. Deutsch war ebenso verbreitet wie Ungarisch, Latein und die Vorform des Slowakischen bzw. Tschechischen. Woher genau die Trentschiner Schwerter stammen, wurde bisher jedoch nicht wissenschaftlich untersucht.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war ein gewisser Stanislav Chrbinský Henker in Trenčín, doch es nahm kein gutes Ende mit ihm. Er wurde des Diebstahls aus der Kirchenkasse und des Ehebruchs verdächtig, selbst eingekerkert, gefoltert und 1596 mit dem Schwert hingerichtet. Auch der aus Ivanovce stammende Pavol Sloboda ist als Henker in Trenčín aufgeführt, obwohl er aus einer Familie des Landadels entstammte. Die Türken hatten bei ihren Plünderungen 1663 den Familienbesitz niedergebrannt und die Mitglieder seiner Familie ermordet. Auch seine Verlobte fiel den Angreifern zum Opfer. Völlig verarmt und allein ließ er sich aus Verzweiflung für den eigentlich unpassenden Beruf anwerben. Angeblich soll er sein neues Handwerk sehr geschickt ausgeführt haben. Er heiratete die Witwe seiner Vorgängers Ján Ostrovský, war jedoch vom Pech verfolgt. Frau und Kind starben, er ging zur Armee gegen die Türken, kämpfte 1683 tapfer in der Schlacht bei Parkan (heute Šturovo) und fand zwei Jahre später bei Neuhäusel/Nové Zámky den Tod. Bis zum 18. Jahrhundert hat es in Trenčín vermutlich einen Henker gegeben. Aus dem 19. Jahrhundert ist belegt, dass sich in dem Haus ein Gefängnis befunden haben soll.

Was es sonst noch zu entdecken gibt

Im Museum gibt es drei kleine Ausstellungsbereiche, darunter einen zur Tätigkeit des Henkers und der städtischen Administration. Neben den Schwertern gibt es weitere Waffen, Pranger und eine Folterbank, aber auch die Hellebarden der städtischen Gerichtsdiener, die Truhe des Magistrats mit lateinischen Inschriften und ein Pult des Richters (slow. richtár). In einem zweiten Raum gibt es Exponate der Handwerkszünfte aus Trenčín und Umgebung. Und im Obergeschoss erhält man einen Einblick in das persönliche Leben der Stadtgesellschaft. Die Ausstellung ist genau richtig für alle, die nicht stundenlang Infotafeln im Museum lesen wollen. Hier ist alles kurz und bündig erklärt und die spannenden, mehrheitlich originalen Ausstellungsstücke sprechen für sich.

Außer der Aufschrift auf dem Schwert gibt es auch noch andere deutschsprachige Objekte. Handwerker und Fachleute (zum Beispiel Bergleute) wurden seit dem Mittelalter (etwa 11.-15 Jh.) in slowakische Städte eingeladen, was zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Aber auch andere deutschsprachige Siedler kamen ins Land. Das slowakische Wort für Zunft lautete cech. Es leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort „Zeche“ ab, das eine Gesellschaft für gemeinschaftliche Zwecke bezeichnet. Die Zechen/Zünfte verfügten über Erkennungszeichen, die am Zunfthaus angebracht waren oder die Zunfttruhe (Lade), das Siegel und die Fahne schmückten. Zünfte gab es auf dem Gebiet der heutigen Slowakei etwa ab dem 14. Jahrhundert.

Statuten – das grundlegende Rechtsdokument einer Zunft mit symbolischer und zeremonieller Funktion. Schriftlich festgelegte Rechte und Pflichten der Mitglieder der Zunftgemeinschaft. Ausgestellt von König Franz I. am 13. Oktober 1820 für die Handwerkszunft in Banowitz/Bánovce. Bestätigt sind sie mit einem Siegel aus rotem Wachs, das den österreichischen Doppeladler und die Nebenländer darstellt.

Mittelalterliches Stadtrecht

Teilweise reichte auch das Einflussgebiet des Magdeburger Rechts bis in die Slowakei, obwohl vielerorts vor allem das (ungarische) Ofener Stadtrecht (1244, auch Buda, vgl. Budapest) angewendet wurde. Das Ofener Rechtsbuch weist jedoch viele Parallelen zum sächsisch-magdeburgischen Recht auf. Trenčín erhielt 1412 das Recht von Ofen (ung. Buda, slowak. Budín) und Stuhlweißenburg (ung. Székesfehérvár, slowak. Stoličný Belehrad).

Das geltende Stadtrecht hatte auch entscheidenden Einfluss auf die Sprache der Niederschrift wichtiger Dokumente im Rechtsverkehr. Das Magdeburger Recht (von 1233) war ein Komplex von Rechten und Normen, der von über 1000 Städten in Mittel- und Osteuropa übernommen wurde. Es gilt als das am weitesten verbreitete Stadtrecht des Mittelalters. Es trug zu einem ausgedehnten Städtenetzwerk bei, das sich bis in die Kiewer Rus erstreckte.

Das Kulturhistorische Museum in Magdeburg hatte 2018/19 unter dem Titel Faszination Stadt. Die Urbanisierung Europas im Mittelalter und das Magdeburger Recht eine umfangreiche Ausstellung zur Verbreitung und Bedeutung des Magdeburger Rechts zusammengestellt, zu der ich einen kleinen Teil beitragen durfte. Die Ergebnisse haben Eingang in folgendes Online-Portal gefunden: Das Magdeburger Recht. Baustein für ein modernes Europa. Dort gibt es zwar keinen Eintrag zu Trenčín, jedoch findet man eine Übersicht u. a. slowakischer Städte, die das Magdeburger Recht angewendet haben, sowie einen Beitrag zu Schemnitz/Banská Štiavnica, einer bedeutenden mittelslowakischen Bergbaustadt, in der es noch heute viele deutsche und ungarische Spuren gibt.

Zum Abschluss meines kleinen Ausfluges in die Vergangenheit gönne ich mir eine süße Henkersmahlzeit. Das Café im Souterrain hat schwarzes Softeis in einer schwarzen Waffel im Angebot. Ich kann zwar nicht sagen, wonach es schmeckt, aber es schmeckt.

Quellen (auf Slowakisch): Denkmäler in der Slowakei, Museum Trenčín und visit.trencin.sk

Weitere Informationen (auf Slowakisch) gibt es u. a. in zwei Artikeln auf: standart.sk und sme.sk und im deutschen Wikipediaartikel.

Adresse und Öffnungszeiten erfährt man auf der Webseite des Museum Trenčín: hier (Englisch).

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