Ein Buch als Wegweiser I: Unterwegs mit Lukáš Cabala

Mit „meinem Autor“ Lukáš Cabala unterwegs zu sein und über „unser Buch“ Denkst du noch an Trenčín?/Spomenieš si na Trenčín? zu sprechen, haben wir im März schon in Leipzig, Berlin und Chemnitz ausprobiert. Die Veranstaltungen rund um die Leipziger Buchmesse 2026 waren zahlreich und spannend. Im Mai waren wir in die Deutsche Nationalbibliothek nach Frankfurt am Main und nach Wien eingeladen. Das Publikum war uns immer wohl gesonnen. Das Label Kulturhauptstadt weckt Interesse. Ich habe die Veranstaltungen entweder moderiert, gedolmetscht oder gelegentlich auch beides. Dabei habe ich Lukáš viele Fragen gestellt und Überraschendes, Neues, und Spannendes erfahren. Sein besonderer Humor war schon beim Übersetzen manchmal eine Herausforderung.

Im Laufe des Juni haben Lukáš und ich mehrfach Interviews für verschiedene Medien gegeben und auch einige Fragen zum Buch beantwortet, wir sind gemeinsam durch die Stadt geschlendert und laufen uns auch sonst immer mal über den Weg. So groß ist Trenčín am Ende nicht. Natürlich sprechen wir auch über den Kulturhauptstadt-Titel und was er für einen Einfluss auf die Stadt hat.

Warum nicht ein Gedankenexperiment wagen: Ich interviewe mich selbst! Und Lukáš soll ebenfalls zu Wort kommen. Auch Tamara Márer, eine der Hauptfiguren, gibt im Buch ein kleines Interview für eine lokale Zeitung. In Teil I unseres „Selbstinterviews“ tauchen wir in den Text ein und beantworten einige Fragen, die auch im Buch gestellt werden. Welche Antworten haben Lukáš und ich im Gegensatz zu den Figuren aus dem Buch?

»Wie gefällt Ihnen Trenčín?« »Ich fühle mich wohl hier und würde gerne noch einige Zeit bleiben«, meinte die Dame und drehte sich langsam im Kreis, bis sie den gesamten Eingangsbereich gemustert hatte. »Wenn ich durch die Seitenstraßen schlendere, denke ich, wahrscheinlich kennen selbst viele Einheimische diese Ecken gar nicht. Wer wandert schon so in seiner eigenen Stadt herum? Der Mensch gewöhnt sich an seine Wege und hat selten Grund, davon abzuweichen.« (S. 34)

Was sagst du zu Trenčín?

S: Ich fühle mich hier wohl, muss mich nicht beeilen. Ich kann den normalen Alltag etwas hinter mir lassen. Aber ich habe auch sehr viel zu tun, laufe durch die Hauptstraßen und die Seitengassen, besuche Veranstaltungen und muss natürlich auch schreiben und übersetzen. Die Stadt hat genau die richtige Größe, um sie in fünf Monaten zu erkunden, alles ist gut erreichbar, die Natur in der Umgebung ist wunderschön. Ich wohne fast direkt neben dem Fluss. Die gemütliche Altstadt gefällt mir sehr, viele Cafés und viel Platz. Ich schaue auf Dinge, die den Einheimischen vielleicht nicht mehr auffallen.

Wie ist es nun, tatsächlich in Trenčín unterwegs zu sein?

Hviezdoslav-Straße (c) S. Bose

S: Im Buch habe ich die Stadt schon intensiv kennengelernt, weil viele Orte (Häuser, Plätze, Straßen, Brücken, …) genau beschrieben sind. Das war eine Herausforderung, die ich dank Internet und direkten Nachfragen gut meistern konnte. Nicht alles ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe und natürlich hat sich im Rahmen der Kulturhauptstadt gerade in der Innenstadt baulich einiges verändert. Es macht mir Spaß, die Orte aus dem Buch zu entdecken, auch die längst verschwundenen anhand alter Fotos und Bücher zu recherchieren.

Welchen im Buch erwähnten Ort würdest du gerne zusammen mit Lukáš/Stefanie besuchen?

S: Am liebsten die verschwundenen Orte, die unterirdischen Gänge, alten Läden und abgerissenen Fabriken. Ich möchte noch den jüdischen Friedhof besuchen. Wir waren schon im Restaurant Plzenská und haben uns eine Portion Ostalgie abgeholt. Meine tschechoslowakischen Kronen hatte ich leider nicht dabei, aber bezahlen konnten wir auch mit Karte.

L: Das Gästehaus im Opatová-Tal, das sollten wir im Sommer unbedingt besuchen. Es ist ein guter Erholungsort voll von Ostalgie. Das ist ein Phänomen, das bei uns leider einen starken Stellenwert hat. Die Leute haben das Gefühl, dass es zu jeder Zeit besser war als heute … Die Psychologen erklären das hauptsächlich mit der Unfähigkeit, die Inflation zu erkennen und auch damit, dass die Leute jünger waren, d. h. gesünder und voller Hoffnungen. Ich mag diese applizierte Ostalgie in den Parlamentswahlen nicht, aber Nostalgie an sich finde ich wunderbar.

Die Architekturausstellung in der Bazovský-Galerie zeigt einige interessante Bauprojekte aus der Region, aber auch aus der gesamten Slowakei, die der Moderne zuzuordnen sind und teils ikonische Bedeutung für die Stadt haben. Im Roman Denkst du noch an Trenčín? überlegt eine der Protagonistinnen, welche Orte die Einwohnerinnen und Einwohner selbst wohl als ikonisch betrachten würden:

Ich wohne einige Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Der Weg dorthin führt über eine Brücke. Am Fluss entlang zieht sich ein erhöhter Deich mit einem Fußweg. Nachts blinkt die Burg wie ein Leuchtturm an der Küste. Unterhalb dieses markanten Bauwerkes schmiegen sich schmale Gassen an den Hügel. Während meiner Spaziergänge kann ich nur raten, welche Orte und Gebäude die Einheimischen als ikonisch betrachten. Nach und nach werde ich es bestimmt erfahren. (S. 28)

Welche ikonischen Orte hat Trenčín für dich?

S: Auf jeden Fall die imposante weitläufige Burganlage. Mir persönlich gefällt die Pfarrtreppe sehr gut, das ist einer meiner Lieblingsorte. Ich denke, für viele ist auch das Kulturzentrum Hviezda ikonisch. Ein großes Thema sind die Brücken, entweder weil sie maroden sind und längst renoviert werden müssten, oder weil der Umbau zu lange dauert und zu viel kostet.

L: Für mich sind das ganz normale Orte, wie das alte Einkaufzentrum PRIOR oder das zwar architektonisch nicht besonders herausragende, aber ansonsten sich in die Höhe streckende ehemalige Hotel Laugarício an der Ecke Jaselská/Jesenského.

Wie bist du zu dem Buch gekommen?

S: Ich durfte Anfang 2025 jeweils einen Auszug aus Leto postávalo v horúcom vzduchu (dt. in etwa Der Sommer stand in flimmernder Hitze) und Spomenieš si na Trenčín? (Denkst du noch an Trenčín?) von Lukáš übersetzen, weil letzteres u. a. für den Europäischen Buchpreis nominiert werden sollte. Es hat mir gut gefallen, weil es eine interessante Mischung an Themen und auch etwas Magie hat. Zum Glück konnte ich dann die wunderbare Verlegerin Veronika Siska vom Allee Verlag von den Vorzügen gerade dieses Buches (und des Veröffentlichungszeitpunktes zum Kulturhauptstadtjahr) überzeugen.

L: Ursprünglich wollte ich eine New Yorker Novelle aus dem jüdischen Milieu schreiben, die in Trenčín spielt. Bei der Recherche habe ich die interessante jüdische Geschichte meiner Stadt entdeckt. Die schönsten und interessantesten Geschäfte, Läden und Firmen haben Juden gehört. Nach dem Holocaust waren die meisten dieser Orte nicht mehr da und mit dem Sozialismus sind auch die verschwunden, die den Krieg überlebt hatten. Ich fand es interessant, eine Figur in unsere Stadt zu bringen, die ein idealisiertes Trenčín sieht, in dem die jüdische Bevölkerung nie verschwunden sind.

Diese Figur ist die Journalistin Tamara Márer, die aus Israel nach T. kommt. Hat ihr Name eine Bedeutung?

L: Márer ist ein Name, den es in der einstigen jüdischen Gemeinde tatsächlich gegeben hat. Die Familie hatte eine Ziegelsteinfabrik.

Hast du eine Lieblingsfigur, mit der du dich am ehesten verbunden fühlst?

S: Vielleicht Tamara. Sie kommt in die Stadt und erkundet Vieles, was sie interessiert, spricht mit Menschen und entdeckt Unerwartetes. Ich bin in einer ähnlichen Situation, obwohl ich keine familiären Verbindungen in die Slowakei und auch keine jüdischen Wurzeln habe. Allerdings spreche ich auch Slowakisch, wenn auch nicht so flüssig wie die Einheimischen.

L: Ich kann mich mit Vincent, dem fantasiebegabten Antiquar, identifizieren, obwohl ich heute sehr viel mutiger bin als er, nicht mehr so schüchtern. Ich würde auch gerne seine Freundin Laura mal treffen. Sie ist lustig, intelligent und überhaupt sehr fröhlich. Ich glaube, mit ihr würde es einem nie langweilig werden.

Kaffee trinken und durch die Gassen schlendern. (c) S. Bose

»Sie halten Lesen also für ein höheres Ziel?«, fragte Izidor. Vincent hatte sich unauffällig wieder hingesetzt, sein Kommentar verhallte ohne Reaktion. Sieh einer an, dachte er amüsiert. »In gewisser Weise schon, Sie nicht? Sicher, auch ein Rezept wird gelesen. Das ist, wie wenn man eine Werbetafel betrachtet oder eine verfallene Mauer oder so was, gleichzeitig kann man aber auch in eine Galerie gehen und die Bilder dort auf eine ganz andere Art wahrnehmen. Das ist dann wie eine kleine Meditation.« »Gut«, sagte Izidor, »ich gehe davon aus, wir alle, wie wir hier sitzen, gehen längst mit gutem Beispiel voran und sind Vorbilder für unsere unmittelbare Umgebung. Aber wie könnten wir unser Anliegen noch aktiver voranbringen?« »Vielleicht mehr in der Öffentlichkeit lesen.« (S. 82)

Was bedeutet Lesen / Literatur für dich?

S: Ich lese von klein auf, wir hatten immer viele Bücher zu Hause und waren oft in der Bibliothek. Das habe ich bei meiner Tochter so fortgesetzt. Aber Literatur ist auch zu meinem Beruf geworden. Teil meines Studiums war auch Literaturwissenschaft und wir haben uns viel mit tschechischen, polnischen und slowakischen Texten befasst. Als Übersetzerin lese ich viel und mache fremdsprachige Literatur dem deutschsprachigen Publikum zugänglich. Lesen lässt uns empathischer werden, weil wir andere Lebensrealitäten kennenlernen und in andere Welten eintauchen können. Literatur trägt das kollektive Gedächtnis, bildet weiter und ist gleichzeitig ein Vergnügen. Für mich ist Lesen wirklich ein höheres Ziel. Es ermöglicht einfach, die Welt besser zu verstehen.

L: Auf jeden Fall eine Suche nach einem guten Buch, Entschleunigung, manchmal fast ein transzendentaler Dialog mit einem Autor oder einer Autorin. Oft ist das Lesen eines guten Buches wie eine echte Erfahrung.

»Seit wann bist du denn im Literarischen Verschönerungsverein?« (S. 44)

Bist du in einem Literarischen Verschönerungsverein? Gibt es den in T./in L.?

S: Ja, tatsächlich bin ich in einer Art literarischen Verschönerungsverein. Er heißt Leselust Leipzig e. V., existiert seit 20 Jahren und macht meine Heimatstadt auf jeden Fall schöner. Ziel des Vereins ist es, das Lesen und die literarische Kompetenz bei Kindern zu fördern. Auf gänzlich ehrenamtlicher Basis bilden wir Vorlesepaten und -patinnen aus, die dann ihre Leidenschaft für Bücher bei Vorlesestunden an Kinder in Kitas und Grundschulen weitergeben. Highlight ist das viertägige Lesefest „LeseLust im August“, das wir u. a. mit Unterstützung der Leipziger Städtischen Bibliotheken in einem Park im Zentrum durchführen. Wir lesen aber auch in allen Filialen der Stadtbibliothek und an anderen öffentlichen Orten regelmäßig vor. Und man kann wohl sagen, dass auch unsere Vereine und Verbände von Übersetzenden maßgeblich zur literarischen Verschönerung und grenzübergreifenden Vielfalt beitragen. In meinem Fall sind das der deutsche VdÜ und der slowakische DoSlov.

L: Ich bin im Literarischen Verschönerungsverein seit ich das erste Mal ein Buch in die Hand bekommen habe. Der Verein ist geheim, aber er hat eine über einhundertjährige Geschichte. Man sagt, er wurde von Leopold Gansel gegründet, einem jüdischen Trenčíner Buchdrucker und Verleger. In Trenčín fand in diesem Jahr auch zum zweiten Mal der Monat der Autorenlesungen statt, ein Projekt, das von Brünn aus initiiert wurde und inzwischen das größte Literaturfestival in Mitteleuropa ist. Jedes Jahr gibt es ein anderes Gastland. In der Stadtbibliothek gibt es einen monatlichen Leseclub und in manchen Buchhandlungen finden regelmäßig literarische Veranstaltungen statt. In gewisser Weise lebt die Ganselsche Tradition also weiter.

»Tamara, wo gehst du am häufigsten essen? Hast du hier ein Lieblingslokal gefunden?« »Meistens gehe ich ins Restaurant im Hotel Laugarício, ein Freund hat mich mal dahin mitgenommen.« »Okay, na ja, das mag ich nicht sonderlich«, meinte Laura. »Ich behaupte ja nicht, das Lokal wäre besonders zu empfehlen «, entgegnete ihr Tamara, »ich verbinde es eher mit angenehmen Gesprächen. Stört dich die ostalgische Atmosphäre dort?« (S. 117)

Und du?

S: Ich mag das Café Sládkovič, das nach seinem Besitzer benannt ist, aber gleichzeitig auch auf den slowakischen Dichter Andrej Sládkovič verweist, der das längste Liebesgedicht der Welt geschrieben hat (für seine angebetete Marína). Sehr gemütlich, leckere Getränke und wunderbare Kuchen. Aber überhaupt kann man hier sehr gut Kaffeetrinken gehen und bei den Speisen hatte ich bisher immer etwas Köstliches auf dem Teller. Den besten Cappuccino hatte ich allerdings im Coffee Lab.

L: Das neue indische Restaurant Taj Mahal am Štúr-Platz.

Im Buch ist Trenčín größer dargestellt, als es in Wirklichkeit ist. Es gibt Wolkenkratzer, eine U-Bahn und andere Anzeichen einer echten Metropole. Jetzt ist T. Europäische Kulturhauptstadt. Wie nimmst du dieses Projekt für T. wahr? Wie wirst du dich vielleicht daran erinnern?

S: Es ist sehr viel los, von manchen Veranstaltungen erfahre ich erst kurz vorher. Das Programm auf der Webseite wird ständig ergänzt und ist im Grunde sehr abwechslungsreich. Für meinen Geschmack könnte etwas mehr internationale Literatur enthalten sein. Es wurde aber auch viel gebaut und renoviert, manche Projekte sind noch nicht fertiggestellt (die „Fiesta Brücke“, der neue Bahnhof). Der Titel hat der Stadt sicher einen guten Schub gegeben und sie vor allem in Europa bekannter gemacht. Es gibt hier viele Touristen und ich höre die verschiedensten Sprachen. Das ist ein kleiner Schritt Richtung kosmopolitische Metropole, ansonsten ist es eher eine mittlere Kleinstadt.

L: Trenčín ist im Jahr 2026 kosmopolitischer als sonst und das freut mich. Wir werden sehen, was nach dem Ende dieses Jahres bleibt und was nicht. Für meinen Geschmack gibt es etwas zu viele Veranstaltungen, sodass ich manchmal den Überblick verliere. Wahrscheinlich freue ich mich auch wieder auf den ganz normalen Lauf der Dinge.

Tipp: Eine Entdeckungsreise durch Trencin und die slowakische Literatur von Kilian Kirchgessner (13. Februar 2026)

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